Hal Draper

Die zwei Seelen des Sozialismus

 

Vorwort (1970)
Einleitung
1. Einige sozialistische "Vorfahren"
2. Die ersten modernen Sozialisten
3. Was Marx leistete
4. Der Mythos des anarchistischen "Libertarismus"
5. Lassalle und der Staatssozialismus
6. Das Modell der Fabier
7. Die "revisionistische" Fassade
8. Die 100-prozentig amerikanische Szene
9. Sechs Arten des Sozialismus von oben
10. Auf welcher Seite stehst du?

Hinweis zu der englischen Fassung dieses Textes
Hinweis zur Verwendung der deutschen Übersetzung

 

Vorwort zur überarbeiteten Fassung von 1970

Dies ist eine völlig umgeschriebene und erweiterte Fassung einer Studie, die ursprünglich in der amerikanischen sozialistischen Studentenzeitschrift Anvil (Winter 1960) erschien und danach zwei- oder dreimal an anderer Stelle nachgedruckt wurde. Der Rahmen, der allgemeine Inhalt und einige Passagen bleiben unverändert, aber ich habe die Gelegenheit der Neuausgabe genutzt, um eine gründliche Überarbeitung eines sehr eiligen Erstentwurfs vorzunehmen.

Das Ziel ist es nicht, eine Geschichte des sozialistischen Denkens kurz und bündig zu schreiben, sondern einfach eine These zu illustrieren – diese These ist eine geschichtliche Interpretation der Bedeutung des Sozialismus und wie der Sozialismus seine heutige Bedeutung erlangte. Zu diesem Zweck habe ich einige der wichtigsten sozialistischen Strömungen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ausgewählt, da der Gegenstand der Untersuchung die Quellen der modernen sozialistischen Bewegung sind. Es gibt mehrere Tendenzen, die nur schwer in dieser Kürze hätten behandelt werden können und deswegen hier überhaupt nicht diskutiert werden, wie den Syndikalismus, den De-Leonismus, den Bolschewismus, die IWW (The Industrial Workers of the World), die kollektivistischen Liberalen usw.; ich glaube aber, ihr Studium führt zu den gleichen Schlussfolgerungen.

Die Hauptschwierigkeit, das Thema kurz zu behandeln, ist die schwere Überlagerung der geschriebenen Geschichte des Sozialismus durch Mythen. Am Ende habe ich einige wenige Werke aufgelistet, die besonders nützlich sind für einige Gestalten, die hier diskutiert werden; für andere muss der interessierte Leser einfach zurück zu den Quellen gehen. Es gibt heute keine halbwegs anständige Geschichte des Sozialismus; und es wird wahrscheinlich keine geben, bis mehrere sozialistische Wissenschaftler die Art Arbeit leisten, die E. P. Thompson für William Morris geleistet hat, dessen Bild fast von den Mythen ausgelöscht worden war.

Und da ich von William Morris spreche: Ich las erneut Ein Traum von John Ball und entdeckte wieder die oft zitierte Passage über – na ja, zitieren wir sie noch einmal als Motto für die folgenden Seiten:

"... Und während ich nachdachte über all dies ... wie Menschen kämpfen und Schlachten verlieren und wie sie trotz aller Niederlagen dennoch weiterkämpfen und wie, wenn sie obsiegen, es etwas anderes ist, als sie erwartet haben, und wie andere für das, was sie sich ersehnten, unter einer anderen Parole wiederum zum Kampf antreten müssen ..."

Anfang der Seite

Die zwei Seelen des Sozialismus

DIE KRISE DES SOZIALISMUS HEUTE ist eine Krise der Bedeutung des Sozialismus.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Welt bezeichnet sich sehr wahrscheinlich eine Mehrheit der Menschen als "sozialistisch" in dem einen oder anderen Sinne; aber es hat auch nie eine Zeit gegeben, wo dieses Etikett weniger aufschlussreich gewesen wäre. Was dem Inhalt der verschiedenen "Sozialismen" am ehesten gemeinsam ist, ist etwas Negatives: der Antikapitalismus. Die positiv formulierten Ziele dagegen sind gegensätzliche und unvereinbare Vorstellungen von "Sozialismus"; diese Palette ist breiter als die der Vorstellungen innerhalb der bürgerlichen Welt.

Aber selbst der Antikapitalismus hält immer weniger als gemeinsamer Nenner zusammen. In einem Teil des sozialistischen Spektrums hat eine ganze Reihe von sozialdemokratischen Parteien jede spezifisch sozialistische Forderung aus ihren Programmen gestrichen und versprochen, die Marktwirtschaft wo auch immer möglich aufrechtzuerhalten. Das prominenteste Beispiel ist die deutsche Sozialdemokratie. ("In Deutschland wird der Sozialismus als Idee, Philosophie und soziale Bewegung nicht mehr von einer politischen Partei vertreten", fasst D. A. Chalmers in dem Buch The Social Democratic Party of Germany zusammen.) Diese Parteien haben den Sozialismus wegdefiniert, aber die Tendenz, die der sie Form verliehen, gilt für die ganze reformistische Sozialdemokratie. In welchem Sinne sind diese Parteien immer noch "sozialistisch"?

In einem anderen Teil des Weltbilds gibt es die kommunistischen Staaten, deren Behauptung, sie seien "sozialistisch", auf einem negativen Merkmal beruht: der Abschaffung des kapitalistischen Systems des privaten Profits und der Tatsache, dass die herrschende Klasse nicht aus Privateigentümern besteht. Auf der positiv definierten Seite würde aber Karl Marx das gesellschaftliche und wirtschaftliche System, das da den Kapitalismus ersetzt hat, nicht erkennen. Die Produktionsmittel gehören zwar dem Staat – aber wem "gehört" der Staat? Sicherlich nicht der Masse der Arbeiter, die ausgebeutet, unfrei und allen Hebeln der gesellschaftlichen und politischen Kontrolle entfremdet sind. Eine neue Klasse herrscht, die bürokratischen Bosse; sie herrscht über ein kollektivistisches System – den bürokratischen Kollektivismus. Wenn aber Verstaatlichung nicht mechanisch mit dem "Sozialismus" gleichgesetzt wird, in welchem Sinne sind diese Gesellschaften dann "sozialistisch"?

Diese beiden selbst ernannten Sozialismen unterscheiden sich sehr voneinander, aber sie haben mehr gemeinsam als sie glauben. Die Sozialdemokratie hat in typischer Weise von der "Sozialisierung" des Kapitalismus von oben geträumt. Ihr Prinzip war immer, zunehmende staatliche Eingriffe in die Gesellschaft und die Wirtschaft für an sich sozialistisch zu halten. Eine verhängnisvolle Ähnlichkeit verbindet sie mit der stalinistischen Vorstellung, dass etwas namens Sozialismus der Gesellschaft von oben nach unten aufgezwungen werden könne, und dass Verstaatlichung gleich Sozialismus sei. Die beiden haben ihre Wurzeln in der zweideutigen Geschichte der sozialistischen Idee.

Zurück zu den Wurzeln: Die folgenden Seiten sollen die Bedeutung des Sozialismus in der Geschichte in einer neuen Weise untersuchen. Es hat immer verschiedene "Arten des Sozialismus" gegeben und sie wurden gewöhnlich in den reformistischen oder den revolutionären, in den friedlichen oder den gewalttätigen, in den demokratischen oder den autoritären usw. aufgeteilt. Diese Aufteilungen existieren, aber darunter liegt etwas anderes. Durch die ganze Geschichte der sozialistischen Bewegungen und Ideen besteht die grundsätzliche Teilung zwischen dem Sozialismus von oben und dem Sozialismus von unten.

Was die vielen verschiedenen Formen des Sozialismus von oben vereint, ist die Vorstellung, dass der Sozialismus (oder ein ordentliches Faksimile davon) von einer herrschenden Elite, in welcher Weise auch immer, den dankbaren Massen hinabgereicht werden müsse, deren Kontrolle diese Elite nicht unterworfen ist.

Der Kern der Vorstellung von einem Sozialismus von unten ist, dass der Sozialismus nur durch die Selbstbefreiung der in Bewegung geratenen Massen verwirklicht werden kann, die die Freiheit mit eigenen Händen ergreifen, die sich "von unten" in einen Kampf werfen, um die Kontrolle über ihr Schicksal zu übernehmen, als Handelnde (nicht nur Unterworfene) auf der Bühne der Geschichte. "Die Emanzipation der Arbeiterklasse muss durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden", so heißt der erste Satz der Statuten, die Marx für die Erste Internationale schrieb, und dieser Satz war das oberste Prinzip seines Lebenswerkes.

Die Konzeption des Sozialismus von oben steht hinter der Anerkennung kommunistischer Diktaturen als einer Form des "Sozialismus". Die Konzeption des Sozialismus von oben ist auch verantwortlich für die Aufmerksamkeit, die die Sozialdemokraten auf den parlamentarischen Überbau und auf die Manipulation der "Kommandohöhen" der Wirtschaft richten, weshalb sie Massenaktionen von unten feindlich gegenüberstehen. Der Sozialismus von oben ist im Grunde die dominierende Tradition in der Entwicklung des Sozialismus.

Es muss jedoch festgehalten werden, dass dies keineswegs eine Besonderheit des Sozialismus ist. Im Gegenteil, die Sehnsucht nach der Befreiung von oben ist das alles durchdringende Prinzip während der Jahrhunderte der Klassengesellschaft und der politischen Unterdrückung. Sie ist die permanente Versprechung, mit der jede herrschende Macht auftritt, um abzusichern, dass die Menschen Schutz suchend nach oben schauen, statt sich selbst von dem Schutzbedürfnis zu befreien. Das Volk schaute auf den König, der die Ungerechtigkeiten der feudalen Herren wieder gutmachen sollte, oder auf Messiasse, welche die Tyrannei der Könige stürzen würden. Statt den mutigen Weg der Massenaktion von unten zu gehen, ist es immer sicherer und klüger, einen "guten" Herrscher zu finden, der dem Volk Gutes tut. Dieses Muster der Befreiung von oben zieht sich durch die Geschichte der Zivilisation und musste auch im Sozialismus auftauchen. Aber im Rahmen der modernen sozialistischen Bewegung konnte die Befreiung von unten zu einem realistischen Streben werden; innerhalb des Sozialismus ist sie ins Blickfeld geraten, aber nur dann und wann. Die Geschichte des Sozialismus kann als ein ständiger aber großenteils erfolgloser Versuch aufgefasst werden, sich von der alten Tradition, von der Tradition der Befreiung von oben zu befreien.

In der Überzeugung, dass die jetzige Krise des Sozialismus sich nur angesichts dieser großen Trennung in der sozialistischen Tradition verstehen lässt, wenden wir uns einigen Beispielen der zwei Seelen des Sozialismus zu.

Anfang der Seite

1. Einige sozialistische "Vorfahren"

KARL KAUTSKY, DER HAUPTTHEORETIKER der Zweiten Internationale, begann sein Buch über Thomas Morus mit der Bemerkung, die zwei großen Gestalten, welche die Geschichte des Sozialismus einleiten, seien Morus und Thomas Müntzer, und diese beiden "folgen einer langen Linie von Sozialisten, von Lykurg und Pythagoras bis zu Platon, den Gracchi, Catalina, Christus ..."

Dies ist eine sehr beeindruckende Liste von frühen "Sozialisten", und wenn wir seinen politischen Standort berücksichtigen, sollte Kautsky in der Lage gewesen sein, einen Sozialisten zu erkennen, wenn er einen sah. Das Faszinierendste an dieser Liste ist die Tatsache, dass sie bei näherer Betrachtung in zwei ganz verschiedene Gruppen auseinander fällt.

Auf Grund des von Plutarch verfassten Leben des Lykurg vereinnahmten die frühen Sozialisten ihn als Gründer des spartanischen "Kommunismus" – das ist der Grund, warum Kautsky ihn auflistet. Aber wie von Plutarch beschrieben, stützte sich das spartanische System auf die Gleichverteilung des Landes im Rahmen von Privateigentum; es war keineswegs sozialistisch. Das "kollektivistische" Gefühl, das vielleicht bei der Beschreibung des spartanischen Regimes entsteht, kommt aus einer anderen Richtung: der Lebensweise der spartanischen herrschenden Klasse selbst, die als permanente, disziplinierte Garnison unter Belagerungszustand organisiert war; und hinzugefügt werden muss die den Heloten (Sklaven) auferlegte terroristische Herrschaft.

Ich kann nicht verstehen, wie ein moderner Sozialist etwas über das lykurgische Regime lesen kann, ohne das Gefühl zu haben, keinesfalls auf einen Vorläufer des Sozialismus zu treffen, sondern auf einen Vorläufer des Faschismus. Darin liegt ein ganz beträchtlicher Unterschied! Aber wie konnte es geschehen, dass der führende Theoretiker der Sozialdemokratie ihn nicht bemerkt hat?

Pythagoras gründete einen Eliteorden, der als politischer Flügel des Landadels gegen die plebejisch-demokratische Bewegung vorging: Er und seine Partei wurden schließlich durch einen revolutionären Volksaufstand gestürzt und vertrieben. Kautsky scheint auf der falschen Seite der Barrikaden zu stehen! Überdies herrschte innerhalb des pythagoreischen Ordens ein Regime der totalen autoritären Herrschaft und der Reglementierung. Trotzdem entschied sich Kautsky, Pythagoras als sozialistischen Vorfahren zu betrachten, weil er glaubte, dass die organisierten Pythagoreer in Gütergemeinschaft lebten. Selbst wenn es so gewesen wäre (und Kautsky fand später heraus, dass es nicht stimmte), hätte diese Tatsache den pythagoreischen Orden genauso kommunistisch gemacht wie jedes Kloster. Wir müssen auf Kautskys Liste einen zweiten Vorfahren des Totalitarismus ankreiden.

Der Fall von Platons Republik ist wohl bekannt. Das einzige Element von "Kommunismus" in seinem Idealstaat für die kleine Elite der "Wächter", die die Bürokratie und die Armee bilden, ist die Vorschrift, in klösterlicher Gemeinschaft zu konsumieren; dabei wird aber vorausgesetzt, dass das umgebende Gesellschaftssystem sich auf Privateigentum stützt und keineswegs sozialistisch ist. Und – hier finden wir es wieder – Platons Staatsmodell heißt Regierung durch eine aristokratische Elite, und er betont in seiner Begründung, dass Demokratie unvermeidlich zum Verfall und Ruin der Gesellschaft führe. Platons politisches Ziel war tatsächlich die Rehabilitierung und Reinigung der herrschenden Aristokratie, um die demokratische Flut bekämpfen zu können. Ihn als sozialistischen Vorfahren zu bezeichnen, beinhaltet eine Vorstellung von Sozialismus, die jede Form demokratischer Kontrolle unbedeutend macht.

Auf der anderen Seite hatten Catalina und die Gracchi keine kollektivistischen Ansätze. Ihre Namen werden verbunden mit volksdemokratischen Massenaufständen gegen das Establishment. Sie waren eindeutig keine Sozialisten, aber sie waren auf der Seite des Volks im Klassenkampf der Antike, auf der Seite der Volksbewegung von unten. Der Theoretiker der Sozialdemokratie scheint keinen Unterschied zu sehen.

Hier in der Vorgeschichte unseres Themas gibt es zwei Arten Gestalten, die bereit stehen, in den Pantheon der sozialistischen Bewegung aufgenommen zu werden. Es gibt die Gestalten mit einem Hauch des (angeblichen) Kollektivismus, die trotzdem durch und durch elitär, autoritär und antidemokratisch waren; und es gibt die Gestalten ohne jede Spur des Kollektivismus, die aber mit demokratischen Klassenkämpfen verbunden waren. Es gibt eine kollektivistische Tendenz ohne Demokratie, und es gibt eine demokratische Tendenz ohne Kollektivismus, aber noch nichts, das diese beiden Strömungen zusammenführt.

Erst mit Thomas Müntzer, dem Führer des revolutionären linken Flügels der deutschen Reformation, finden wir die Andeutung einer solchen Verschmelzung; eine gesellschaftliche Bewegung mit kommunistischen Ideen (Müntzers), die auch in einem tief greifenden demokratischen Kampf von unten stand. Genau im Gegensatz dazu steht Sir Thomas Morus: Die tiefe Kluft zwischen den beiden Zeitgenossen führt zum Kern unseres Themas. In Utopia beschreibt Morus eine vollständig reglementierte Gesellschaft, die eher an Orwells 1984 als an eine sozialistische Demokratie erinnert, durch und durch elitär, sogar Sklaven haltend, ein typisches Beispiel für Sozialismus von oben. Es erstaunt nicht, dass von diesen beiden "sozialistischen Vorfahren", die an der Schwelle der modernen Welt stehen, der eine (Morus) den anderen (Müntzer) verabscheute und die Henker unterstützte, die den anderen und seine Bewegung ermordeten.

Was also war die Bedeutung von Sozialismus, als er geboren wurde? Von Anfang an war er in die zwei Seelen des Sozialismus gespalten, und zwischen ihnen gab es Krieg.

Anfang der Seite

2. Die ersten modernen Sozialisten

DER MODERNE SOZIALISMUS entstand im Laufe des etwa halben Jahrhunderts zwischen der großen Französischen Revolution und den Revolutionen von 1848. Ebenso die moderne Demokratie. Aber sie wurden nicht wie "siamesische Zwillinge" miteinander verbunden geboren. Wann kreuzten sich die beiden Linien zum ersten Mal?

Aus den Trümmern der Französischen Revolution entstanden verschiedene Arten des Sozialismus. Wir werden drei der Wichtigsten hinsichtlich unserer Fragestellung erörtern.

I. Babeuf. – Die erste moderne sozialistische Bewegung war diejenige, die in der letzten Phase der Französischen Revolution von Babeuf geführt wurde (die "Verschwörung der Gleichen"). Sie wurde als Weiterführung des revolutionären Jakobinismus entwickelt, aber mit einem konsequenteren gesellschaftlichen Ziel: einer Gesellschaft der kommunistischen Gleichheit. Hier wird zum ersten Mal in der modernen Zeit die Idee des Sozialismus mit der Idee einer Volksbewegung vereint – eine folgenschwere Verbindung. (1)

Diese Verbindung wirft sofort eine kritische Frage auf: Wie ist im jeweiligen Fall die genaue Beziehung zwischen dieser sozialistischen Idee und jener Volksbewegung? Das ist für die folgenden 200 Jahre die Schlüsselfrage für den Sozialismus.

Die Anhänger Babeufs sahen es so: Die Massenbewegung des Volks ist gescheitert; das Volk scheint der Revolution den Rücken gekehrt zu haben. Aber sie leiden immer noch, sie brauchen noch immer den Kommunismus: Wir wissen es. Der revolutionäre Wille des Volks wurde durch eine Verschwörung der Rechten besiegt: Was wir brauchen, ist eine Intrige der Linken, um eine neue Volksbewegung zu schaffen, um den revolutionären Willen zu wecken. Wir müssen deshalb die Macht ergreifen. Aber das Volk ist nicht mehr bereit, die Macht zu ergreifen. Deshalb müssen wir die Macht in seinem Namen ergreifen, um das Volk auf diese Stufe zu heben. Das bedeutet eine vorübergehende Diktatur, zugegeben von einer Minderheit; aber es wird eine Erziehungsdiktatur sein, die darauf zielt, die Bedingungen für eine demokratische Kontrolle in der Zukunft zu schaffen. (In diesem Sinne sind wir Demokraten.) Das wird keine Diktatur des Volkes sein, wie die Kommune [von 1793 bis 1794; d. Übers.], geschweige denn eine Diktatur des Proletariats; offen gesagt ist es eine Diktatur über das Volk – mit sehr guten Absichten.

Für den Großteil der folgenden fünfzig Jahre bleibt das Konzept der Erziehungsdiktatur über das Volk das Programm der revolutionären Linken – über die drei Bs (von Babeuf über Buonarroti bis zu Blanqui) und auch, mit hinzugefügtem anarchistischem Geschwätz, bis zu Bakunin. Die neue Ordnung wird dem leidenden Volk von den revolutionären Verschwörern hinabgereicht. Dieser typische Sozialismus von oben ist die erste und primitivste Form des revolutionären Sozialismus, aber es gibt heute noch immer Bewunderer von Castro und Mao, die glauben, er sei der letzte Schrei des Revoluzzertums.

II. Saint-Simon. – Hervorgehend aus der revolutionären Periode, nahm ein brillanter Geist einen völlig anderen Kurs. Saint-Simon wurde durch seine Abscheu gegen Revolution, Unordnung und Unruhen angetrieben. Was ihn faszinierte, waren die Möglichkeiten, die Industrie und Wissenschaft eröffneten.

Seine Vision hatte nicht im Entferntesten mit so etwas wie Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Menschenrechten oder dergleichen Leidenschaften zu tun: Sie schenkte nur der Modernisierung, der Industrialisierung, der Planung Beachtung, losgelöst von all solchen Überlegungen. Die geplante Industrialisierung war der Schlüssel zur neuen Welt, und offensichtlich bestand die Gruppe, die das erreichen sollte, aus den Oligarchien der Finanziers und Geschäftsmänner, Wissenschaftler, Technologen, Manager. Wo er nicht an diese appellierte, forderte er Napoleon oder seinen Nachfolger Ludwig XVIII. auf, seine Pläne für eine königliche Diktatur in die Tat umzusetzen. Er verfolgte unterschiedliche Projekte, die aber eines gemeinsam hatten: Sie waren alle völlig autoritär bis zur letzten geplanten Verordnung. Als systematischer Rassist und militanter Imperialist war er ein wütender Feind gerade jeder Idee von Gleichheit und Freiheit, die er als Abkömmlinge der Französischen Revolution hasste.

Erst in der letzten Phase seines Lebens (1825), enttäuscht über die Weigerung der natürlichen Elite, ihre Pflicht zu tun und die neue modernisierende Oligarchie zu errichten, wandte er sich mit Appellen an die Arbeiter, die unter ihr standen. Das "Neue Christentum" sollte eine Volksbewegung sein, aber ihre Rolle sollte lediglich darin bestehen, die Herrschenden davon zu überzeugen, den Rat der Saint-Simon'schen Planer zu beachten. Die Arbeiter sollten sich organisieren – um ihre Kapitalisten und leitenden Bosse zu bitten, die Kontrolle den "untätigen Klassen" zu entreißen.

In welchem Verhältnis stand dann seine Vorstellung von der geplanten Gesellschaft zur Volksbewegung? Das Volk, die Bewegung, könnte als Rammbock nützlich sein – in den Händen eines anderen. Saint-Simons letzte Idee war eine Bewegung von unten, um einen Sozialismus von oben hervorzubringen. Aber Macht und Kontrolle sollten da bleiben, wo sie immer gewesen waren – oben.

III. Die Utopisten. – Eine dritte Art des Sozialismus, die sich in der nachrevolutionären Generation entwickelte, war die der echten utopischen Sozialisten – Robert Owen, Charles Fourier, Etienne Cabet usw. Sie entwarfen das Idealbild einer gemeinschaftlichen Kolonie, die voll entwickelt dem Kopf des Führers entsprang und von Gnaden der menschenfreundlichen Reichen unter den Fittichen der wohlwollenden Macht finanziert werden sollte.

Owen (in gewisser Hinsicht der sympathischste in der ganzen Gruppe) war ebenso kategorisch wie die anderen: "Diese große Veränderung ... muss und wird von den Reichen und Mächtigen vollendet werden. Es gibt keine anderen Parteien, die dazu fähig sind ... es ist eine Verschwendung von Zeit, Talent und Geldmitteln, wenn die Armen in Opposition zu den Reichen und Mächtigen kämpfen ..." Natürlich war er auch gegen "Klassenhass", den Klassenkampf. Von den vielen, die daran glaubten, hat kaum jemand so unverblümt wie er geschrieben, dass das Ziel dieses "Sozialismus" sei, "die ganze Gesellschaft so zu regieren oder zu behandeln, wie die fortgeschrittensten Ärzte ihre Patienten in den bestorganisierten Irrenanstalten regieren und behandeln", mit Nachsicht und Güte gegenüber den Unglücklichen, die so wurden "durch die Irrationalität und Ungerechtigkeit des gegenwärtigen, äußerst irrationalen Gesellschaftssystems".

Die Gesellschaft Cabets sah Wahlen vor, aber es sollte keine freie Diskussion geben; und eine kontrollierte Presse, systematische Indoktrination und völlig reglementierte Einheitlichkeit waren unabdingbarer Bestandteil des Rezepts.

Wie sah das Verhältnis zwischen der sozialistischen Idee und der Volksbewegung für diese utopischen Sozialisten aus? Letztere war die Herde, die vom guten Schäfer gehütet werden musste. Wir müssen nicht glauben, dass der Sozialismus von oben notwendigerweise grausame despotische Absichten beinhaltet.

Diese Seite der Sozialismen von oben hat sich längst nicht überlebt. Im Gegenteil, sie ist so modern, dass ein moderner Schriftsteller wie Martin Buber in seinem Buch Pfade in Utopia die Meisterleistung vollbringen kann, die alten Utopisten so zu behandeln, als ob sie große Demokraten und "Libertäre" gewesen wären!

Dieser Mythos ist ziemlich weit verbreitet, und er beweist erneut die außerordentliche Unempfindlichkeit sozialistischer Schriftsteller und Historiker gegenüber der tief verwurzelten Vorgeschichte des Sozialismus von oben als des vorherrschenden Bestandteils in den zwei Seelen des Sozialismus.

Anfang der Seite

3. Was Marx leistete

DER UTOPISMUS war zutiefst elitär und antidemokratisch, weil er utopisch war – das heißt, er hoffte auf das Rezept für ein vorgefertigtes Modell, das Erträumen eines Plans, der durch Willenskraft zur Realität würde. Vor allem war er durchdrungen von Feindseligkeit besonders gegenüber der Vorstellung einer Umgestaltung der Gesellschaft von unten durch die bestürzende Einmischung Freiheit suchender Massen, selbst da, wo er schließlich Zuflucht zum Werkzeug einer Massenbewegung als Druckmittel auf die Oberen nahm. In der sozialistischen Bewegung, wie sie sich vor Marx entwickelt hatte, kreuzte sich nirgendwo die Linie der sozialistischen Idee mit der Linie der Demokratie von unten.

Diese Kreuzung, diese Synthese, war der große Beitrag von Marx: Im Vergleich dazu ist der ganze Inhalt seines Kapitals zweitrangig. Er fügte den revolutionären Sozialismus und die revolutionäre Demokratie zusammen. Dies ist der Kern des Marxismus: "Das ist das Gesetz; alles andere ist Kommentar." Das Kommunistische Manifest von 1848 kennzeichnete das Selbstbewusstsein der ersten Bewegung (mit Engels Worten), deren "Meinung von allem Anfang an war, dass die Emanzipation der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muss".

Der junge Marx durchlief die primitive Stufe wie der menschliche Embryo das Kiemenstadium; oder um es anders zu beschreiben: Eine seiner ersten Impfungen erhielt er, indem er sich mit der am weitesten verbreiteten Krankheit überhaupt, dem Glauben an einen Retterdiktator infizierte. Als Marx zweiundzwanzig Jahre alt war, starb der alte König, und unter dem Jubel der Liberalen bestieg Friedrich Wilhelm IV. angesichts der großen Hoffnungen auf demokratische Reformen von oben den Thron. Nichts dergleichen geschah. Marx kehrte nie zu dieser Vorstellung zurück, die jeden Sozialismus mit ihrer Hoffnung auf Retterdiktatoren oder Retterpräsidenten belastete.

Marx trat der Politik als kämpferischer Redakteur einer Zeitung bei, die das Organ der extremen Linken der liberalen Demokratie des industrialisierten Rheinlands war, und bald wurde er zur führenden Redaktionsstimme einer umfassenden politischen Demokratie in Deutschland. Sein erster veröffentlichter Artikel war eine Polemik zu Gunsten einer uneingeschränkten Freiheit der Presse von jeder staatlichen Zensur. Als die Reichsregierung seine Entlassung erzwang, wandte er sich den neuen, aus Frankreich stammenden sozialistischen Ideen zu. Als dieser Wortführer der liberalen Demokratie zum Sozialisten wurde, betrachtete er das Eintreten für Demokratie immer noch als Hauptaufgabe – aber jetzt hatte diese Demokratie eine tiefere Bedeutung. Marx war der erste sozialistische Denker und Führer, der zum Sozialismus durch den Kampf um die liberale Demokratie kam.

In Manuskriptnotizen von 1844 lehnte er den noch vorhandenen "rohen Kommunismus" ab, der die Persönlichkeit des Menschen negiert, und vertraute auf einen Kommunismus, der ein "vollendeter Humanismus" sein würde. Im Jahre 1845 erarbeiteten er und sein Freund Engels eine Argumentationslinie gegen das elitäre Denken einer sozialistischen Strömung, die von einem Bruno Bauer repräsentiert wurde. Im Jahre 1846 organisierten sie die "Deutschen Demokratischen Kommunisten" im Brüsseler Exil, und Engels schrieb: "In unserer Zeit sind die Demokratie und der Kommunismus eins." Und: "Nur die Proletarier können sich wirklich unter dem Banner der kommunistischen Demokratie verbrüdern."

Indem sie ihren Standpunkt ausarbeiteten, der zum ersten Mal die neue kommunistische Vorstellung mit den neuen demokratischen Bestrebungen verband, gerieten sie in Konflikt mit den bestehenden kommunistischen Sekten wie der von Weitling, der von einer messianischen Diktatur träumte. Bevor sie der Gruppe beitraten, die der Bund der Kommunisten wurde (für den sie das Kommunistische Manifest schrieben), bestanden sie darauf, dass die Organisation von einer elitären Verschwörergruppe der alten Art in eine offene Propagandagruppe umgewandelt werden müsse, dass "alles aus den Statuten entfernt werde, was dem Autoritätsaberglauben förderlich" sei, dass der führende Ausschuss von allen Mitgliedern gewählt werden müsse im Gegensatz zur Tradition der "Entscheidungen von oben". Sie überzeugten den Bund von ihrer neuen Herangehensweise und in einer Zeitschrift, die 1847, einige Monate vor dem Kommunistischen Manifest, herausgegeben wurde, verkündete die Gruppe:

"Wir sind keine Kommunisten, welche die persönliche Freiheit vernichten und aus der Welt eine große Kaserne oder ein großes Arbeitshaus machen wollen. Es gibt freilich Kommunisten, welche es sich bequem machen und die persönliche Freiheit, die nach ihrer Meinung der Harmonie im Wege steht, leugnen und aufheben wollen; wir aber haben keine Lust, die Gleichheit mit der Freiheit zu erkaufen. Wir sind überzeugt ..., dass in keiner Gesellschaft die persönliche Freiheit größer sein kann als in derjenigen, welche sich auf Gemeinschaft gründet ... Legen wir alle vereinigt Hand ans Werk ..., um einen demokratischen Staat zu errichten, in dem jede Partei suchen kann, durch Wort und Schrift die Majorität für sich zu gewinnen ..."

Das Kommunistische Manifest, das aus diesen Diskussionen entstand, erklärte, das erste Ziel der Revolution sei "die Erkämpfung der Demokratie". Als sich zwei Jahre später nach dem Niedergang der 1848er Revolutionen der Bund der Kommunisten spaltete, stand er erneut im Streit gegen den "rohen Kommunismus" des Putschismus, der meinte, man könne die wirkliche Massenbewegung der aufgeklärten Arbeiterklasse durch entschlossene Gruppen von Revolutionären ersetzen. Marx erklärte der Minderheit innerhalb des Bundes:

"Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße Wille zum Triebrad der Revolution. Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen, nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen, sagt ihr im Gegenteil: 'Wir müssen gleich zur Herrschaft kommen, oder wir können uns schlafen legen.'"

"Um euch selbst zu ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen" – so heißt das Marx'sche Programm für die Arbeiterbewegung im Gegensatz sowohl zu denen, die sagen, die Arbeiter könnten die Macht jeden Sonntag übernehmen, als auch zu denen, die sagen, es sei nie möglich. So entstand der Marxismus im bewussten Kampf gegen die Verfechter der Erziehungsdiktatur, die Retterdiktatoren, die revolutionäre Elite, die kommunistischen Autoritären sowie die menschenfreundlichen Weltverbesserer und bürgerlichen Liberalen. Dies ist der Marxismus von Marx, nicht die karikierte Missbildung, der dieses Etikett von der Professorenschaft des Establishments umgehängt wird, die vor Marx' kompromisslosem Geist der revolutionären Opposition zum kapitalistischen Status quo zittern, und von den Stalinisten und Neostalinisten, welche die Tatsache verbergen müssen, dass Marx seine Zähne schärfte, indem er Krieg gegen Leute ihrer Sorte führte.

"Marx war es, der schließlich die beiden Vorstellungen von Sozialismus und Demokratie aneinanderkettete", (2) weil er eine Theorie entwickelte, die diese Synthese zum ersten Mal ermöglichte. Der Kern der Theorie ist diese These: Es gibt eine gesellschaftliche Mehrheit, die das Interesse und die Motivation hat, das System zu ändern, und dass das Ziel des Sozialismus in der Schulung und Mobilisierung dieser Mehrheit bestehen kann. Dies ist die ausgebeutete Klasse, die Arbeiterklasse, von der letztendlich die Triebkraft der Revolution ausgeht. Daher ist ein Sozialismus von unten möglich auf der Basis einer Theorie, die das revolutionäre Potenzial der breiten Massen sieht, auch wenn sie zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten rückständig scheinen. Das Kapital ist letzten Endes bloß die Demonstration der wirtschaftlichen Basis dieser These.

Nur eine solche Theorie des Arbeitersozialismus macht die Fusion des revolutionären Sozialismus und der revolutionären Demokratie möglich. Im Moment diskutieren wir noch nicht unsere Überzeugung, dass dieser Glaube gerechtfertigt ist, sondern bestehen nur auf der Alternative: Alle Sozialisten oder Möchtegernreformer, die diese Alternative verwerfen, müssen zwangsläufig bei irgendeiner Art des Sozialismus von oben enden, sei es die reformistische, utopische, bürokratische, stalinistische, maoistische oder Castro'sche Spielart. Und das tun sie auch.

Fünf Jahre vor dem Kommunistischen Manifest hatte ein frisch bekehrter dreiundzwanzig Jahre alter Sozialist immer noch in der alten elitären Tradition geschrieben: "Wir können unsere Reihen nur aus den Klassen auffüllen, die eine recht gute Bildung genossen haben, das heißt aus den Universitäten und aus der Unternehmerklasse ..." Der junge Engels lernte etwas Besseres; aber diese überholte Weisheit hat hartnäckig überlebt.

Anfang der Seite

4. Der Mythos des anarchistischen "Libertarismus"

EINE DER AUSGEPRÄGTESTEN autoritären Figuren in der Geschichte des Radikalismus ist kein anderer als der "Vater des Anarchismus", Proudhon, dessen Name regelmäßig als großes "libertäres" Musterbeispiel wiederbelebt wird, weil er fleißig das Wort "Freiheit" wiederholt und "die Revolution von unten" ins Feld führt.

Einige sind vielleicht bereit, seinen Antisemitismus, der dem Hitlers sehr ähnelt ("Der Jude ist der Feind der Menschheit. Es ist notwendig, diese Rasse nach Asien zurückzuschicken oder auszurotten ...") zu übersehen, oder seinen prinzipientreuen Rassismus im Allgemeinen (er meinte, die amerikanischen Südstaaten hätten das Recht, Schwarze in Sklaverei zu halten, da sie die niedrigste der minderwertigen Rassen seien); oder seine Verherrlichung des Kriegs um seiner selbst willen (genau nach dem Muster Mussolinis); oder seine Ansicht, dass Frauen keine Rechte hätten ("Ich verweigere ihr jedes politische Recht und jede Initiative. Für die Frau besteht Freiheit und Wohlstand einzig und allein in Ehe, Mutterschaft, und häuslichen Pflichten ...") – das ist die "Kinder, Kirche, Küche"-Ideologie der Nazis.

Aber es ist nicht möglich, seine heftige Gegnerschaft nicht nur gegenüber Gewerkschaften und dem Streikrecht zu übersehen (bis zur Unterstützung von Streikbrecheraktionen der Polizei), sondern auch gegenüber jeder Art des Stimmrechts, des allgemeinen Wahlrechts, der Volkssouveränität und sogar der Idee einer Verfassung. ("Diese ganze Demokratie widert mich an ... Was würde ich nicht dafür geben, über diesen Pöbel mit geballten Fäusten herzufallen!") Seine Notizen zu seiner Idealgesellschaft enthalten bezeichnenderweise die Unterdrückung aller anderen Gruppen, jeder öffentlichen Veranstaltung von mehr als zwanzig Menschen, der Pressefreiheit und aller Wahlen; in den gleichen Notizen ersehnt er "eine allgemeine Inquisition" und die Verurteilung von "mehreren Millionen Menschen" zu Zwangsarbeit – "wenn eines Tages die Revolution vollbracht ist".

Hinter all dem stand eine leidenschaftliche Verachtung der Massen – das notwendige Fundament des Sozialismus von oben, so wie das Gegenteil davon die Grundlage des Marxismus war. Die Massen seien korrupt und hoffnungslos ("Ich verehre die Menschheit, aber ich spucke auf die Menschen!"). Sie seien "bloß Wilde ... es ist unsere Pflicht, sie zu zivilisieren, ohne dass wir sie zu unserem Souverän machen", schrieb er an einen Freund, den er verächtlich schalt: "Sie glauben immer noch an das Volk." Fortschritt könne nur durch die Herrschaft einer Elite erreicht werden, die Obacht geben müsse, dem Volk nicht die Souveränität zu geben.

Gelegentlich hoffte er auf irgendeinen herrschenden Despoten, der als Ein-Mann-Diktator die Revolution bringen sollte: Louis Bonaparte (er schrieb 1852 ein ganzes Buch, in dem er den Kaiser als Träger der Revolution pries); Prinz Jerome Bonaparte, schließlich Zar Alexander II. ("Wir dürfen nicht vergessen, dass der Despotismus des Zaren für die Zivilisation notwendig ist.").

Es gab natürlich einen Kandidaten für die Stelle des Diktators, der näher liegend war – ihn selbst. Er erarbeitete ein detailliertes Schema für ein "auf Gegenseitigkeit beruhendes" Geschäft, der Form nach genossenschaftlich, das sich ausbreiten und alle Geschäfte und schließlich den Staat übernehmen würde. In seinen Aufzeichnungen notierte er sich selbst für die Position des Chefmanagers, der natürlich keiner demokratischen Kontrolle, die er so verachtete, unterworfen sein sollte. Er achtete im Voraus auf Details: "Ein Geheimprogramm für alle Manager entwerfen: unwiderrufliche Beseitigung von Königshaus, Demokratie, Besitzern, Religion [und so weiter]." – "Die Manager sind die natürlichen Vertreter des Landes. Minister sind bloß höhere Leiter oder Generaldirektoren: wie ich es eines Tages sein werde ... Wenn wir die Herren sind, wird die Religion das sein, was wir wollen; ebenso die Bildung, die Philosophie, die Gerechtigkeit, die Verwaltung und die Regierung."

Der Leser, der vielleicht voll der üblichen Illusionen über den anarchistischen "Libertarismus" ist, mag sich fragen: War er dann unaufrichtig in seiner großen Liebe für die Freiheit?

Nicht im Geringsten: Es ist nur notwendig zu verstehen, was die anarchistische "Freiheit" bedeutet. Proudhon schrieb: "Das Prinzip der Freiheit ist das der Abtei von Thélème [in Rabelais]: Tue, was du tun möchtest." Und dieses Prinzip bedeutete: "Jeder Mann, der nicht alles tun kann, was er will, hat das Recht zur Revolte, auch alleine, gegen die Regierung, selbst wenn diese Regierung alle anderen sind." Der Einzige, der sich dieser Freiheit erfreuen kann, ist ein Despot; das ist der Sinn der glänzenden Einsicht von Dostojewskis Schigaljow: "Wenn ich mit der unbeschränkten Freiheit beginne, gelange ich zur unbeschränkten Despotie."

Die Geschichte sieht bei dem zweiten "Vater des Anarchismus", Bakunin, ähnlich aus. Dessen Entwürfe für eine Diktatur und die Unterdrückung der demokratischen Kontrolle sind besser bekannt als die von Proudhon.

Die Hauptursache ist dieselbe: Der Anarchismus beschäftigt sich nicht mit der Schaffung demokratischer Kontrolle von unten, sondern nur mit der Vernichtung der "Autorität" über das Individuum, einschließlich der Autorität der radikalsten demokratischen Regulierung der Gesellschaft, die vorstellbar ist. Das haben die maßgebenden anarchistischen Interpreten immer wieder deutlich gemacht; zum Beispiel George Woodcock: "Selbst wenn Demokratie möglich wäre, würde der Anarchist sie nicht unterstützen ... Anarchisten befürworten keine politische Freiheit. Was sie befürworten, ist die Freiheit von der Politik ..." Der Anarchismus ist aus Prinzip leidenschaftlich antidemokratisch, denn eine ideale demokratische Autorität bleibt immer noch eine Autorität. Aber indem er Demokratie ablehnt, kann er die unvermeidlichen Uneinigkeiten und Meinungsverschiedenheiten unter den Bewohnern der Abtei von Thélème nicht anders lösen, seine unbeschränkte Freiheit für jedes unkontrollierte Individuum ist nicht zu unterscheiden von unbeschränktem Despotismus durch solch ein Individuum – in der Theorie wie in der Praxis.

Das große Problem unseres Zeitalters besteht darin, die demokratische Kontrolle von unten über die riesigen Mächte der modernen gesellschaftlichen Autorität zu erringen. Der Anarchismus, der am freigebigsten mit Geschwätz über irgendetwas von unten ist, lehnt dieses Ziel ab. Er ist die Kehrseite der Medaille der bürokratischen Despotie, in der alle Werte auf den Kopf gestellt sind – nicht das Heilmittel oder die Alternative.

Anfang der Seite

5. Lassalle und der Staatssozialismus

DAS IDEALMODELL EINER MODERNEN SOZIALDEMOKRATIE, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, wird oft dargestellt, als sei sie auf einer marxistischen Grundlage entstanden. Das ist ein Mythos, wie so vieles in den vorhandenen Geschichten des Sozialismus. Der Einfluss von Marx war stark, auch zeitweilig auf einige der führenden Köpfe der Partei, aber die Politik, welche die Partei durchdrang und sich schließlich durchsetzte, entsprang hauptsächlich zwei anderen Quellen.

Die eine war Lassalle, der den deutschen Sozialismus als organisierte Bewegung (1863) gründete, und die andere waren die britischen Fabier, aus deren Ideen Eduard Bernsteins "Revisionismus" schöpfte.

Ferdinand Lassalle ist der Prototyp des Staatssozialisten – also einer, dessen Ziel es ist, Sozialismus durch den bestehenden Staat herabgereicht zu bekommen. Er war nicht das erste prominente Beispiel (das war Louis Blanc), aber für ihn war der bestehende Staat der kaiserliche Staat unter Bismarck.

Der Zweck des Staats, erklärte Lassalle den Arbeitern, bestehe darin, "eine solche Stufe des Daseins zu erreichen, die sie als Einzelne niemals erreichen könnten". Marx lehrte genau das Gegenteil: Die Arbeiterklasse müsse ihre Emanzipation selbst erringen und in diesem Prozess den Staat abschaffen. Eduard Bernstein hatte völlig recht, als er sagte, Lassalle habe aus dem Staat "einen wahren Kult gemacht". "Das uralte Vestalfeuer aller Zivilisation, den Staat, verteidige ich mit Ihnen gegen jene modernen Barbaren [die liberale Bourgeoisie]", erklärte er einem preußischen Gericht. Damit waren Marx' und Lassalles Positionen "grundsätzlich entgegengesetzt", stellte der Lassalle'sche Biograf Footman fest, der sein Propreußentum, seinen propreußischen Nationalismus, seinen propreußischen Imperialismus bloßlegt.

Lassalle organisierte diese erste deutsche sozialistische Bewegung als seine eigene Diktatur. Ganz bewusst machte er sich daran, sie als Massenbewegung von unten aufzubauen, um einen Sozialismus von oben zu erringen (wie beim oben erwähnten Rammbock von Saint-Simon). Das Ziel war, Bismarck davon zu überzeugen, Zugeständnisse zu machen – besonders das allgemeine Wahlrecht einzuführen, auf dessen Basis eine parlamentarische Bewegung unter Lassalle eine Massenverbündete des Bismarck'schen Staats in einer Koalition gegen die liberale Bourgeoisie werden könnte. Zu diesem Zweck versuchte Lassalle in der Tat, mit dem Eisernen Kanzler zu verhandeln. Lassalle schickte ihm die diktatorischen Statuten seiner Organisation als "die Verfassung meines Reichs, dessentwegen Sie mich vielleicht beneiden werden", und dann fuhr er fort:

"Es wird Ihnen aus diesem Miniaturgemälde deutlich die Überzeugung hervorgehen, wie wahr es ist, dass sich der Arbeiterstand instinktmäßig zur Diktatur geneigt fühlt, wenn er erst mit Recht überzeugt sein kann, dass dieselbe in seinem Interesse ausgeübt wird und wie sehr er daher, wie ich Ihnen schon neulich sagte, geneigt sein würde, trotz aller republikanischen Gesinnungen – oder vielmehr gerade auf Grund derselben – in der Krone den natürlichen Träger der sozialen Diktatur, im Gegensatz zu dem Egoismus der bürgerlichen Gesellschaft, zu sehen, wenn die Krone ihrerseits sich jemals zu dem – freilich sehr unwahrscheinlichen – Schritt entschließen könnte, eine wahrhaft revolutionäre und nationale Richtung einzuschlagen und sich aus einem Königtum der bevorrechteten Stände in ein soziales und revolutionäres Volkskönigtum umzuwandeln!"

Obwohl dieser geheime Brief damals unbekannt war, begriff Marx das Wesen des Lassalleanertums vollkommen. Er sagte Lassalle ins Gesicht, dass er ein "Bonapartist" sei, und erkannte scharfsinnig: "Er gebärdet sich wie der künftige Arbeiterdiktator." Die Lassalle'sche Tendenz nannte er den "königlich preußischen Regierungssozialismus" und verurteilte seine "Allianz mit den absolutistischen und feudalen Gegnern wider die Bourgeoisie".

"Statt aus dem revolutionären Umwandlungsprozesse der Gesellschaft", so schrieb Marx, entsteht laut Lassalle der Sozialismus "aus der 'Staatshilfe', die der Staat den Produktivgenossenschaften gibt, die der Staat, nicht der Arbeiter 'ins Leben ruft'." Marx macht sich lustig darüber. "Was aber die jetzigen Kooperativgesellschaften betrifft, so haben sie nur Wert, soweit sie unabhängige, weder von den Regierungen noch von den Bourgeois protegierte Arbeiterschöpfungen sind." Hier ist eine klassische Stellungnahme zu der Bedeutung des Wortes "unabhängig" als Grundpfeiler des Sozialismus von unten gegenüber dem Staatssozialismus.

Es gibt ein aufschlussreiches Beispiel dafür was passiert, wenn ein akademischer Antimarxist der amerikanischen Sorte zufällig auf diesen Standpunkt von Marx stößt. In seinem Buch Demokratie und Marxismus (später überarbeitet und als Einführung in die marxistische Theorie herausgegeben) beweist Mayo mit großem Geschick, dass der Marxismus antidemokratisch sei, indem er den Marxismus einfach als "Moskauer Orthodoxie" definiert. Aber zumindest scheint er Marx gelesen zu haben, denn es fiel ihm auf, dass nirgendwo in den Metern von Schriften und während seines langen Lebens Marx Interesse an mehr Macht für den Staat zeigte, sondern eher das Gegenteil. Marx, dämmert es ihm, war kein "Staatsanhänger":

"Die populäre gegen den Marxismus gerichtete Kritik heißt, er neige dazu, in eine Form der 'Staatsanhängerschaft' zu verfallen. Auf den ersten Blick verfehlt diese Kritik anscheinend weit das Ziel, denn die Tugend der Marx'schen politischen Theorie ... ist die völlige Abwesenheit jeder Verherrlichung des Staates."

Diese Entdeckung stellt eine bemerkenswerte Herausforderung an die Marx-Kritiker dar, die natürlich im Voraus wissen, dass der Marxismus den Staat verherrlichen muss. Mayo löst diese Schwierigkeit mit zwei Feststellungen: 1. "Die Staatsanhängerschaft wohnt dem Bedürfnis nach totaler Planung inne ..." 2. Sieh dir Russland an! Aber Marx erhebt die "totale Planung" nicht zum Fetisch. Er wurde so häufig (von anderen Marx-Kritikern) dafür kritisiert, dass er es versäumte, einen Sozialismusentwurf vorzulegen, gerade weil er sich so heftig gegen den utopischen "Planismus" – oder Planung von oben – seiner Vorgänger wandte. Der "Planismus" ist genau die Vorstellung von Sozialismus, die der Marxismus zerstören wollte. Der Sozialismus muss Planung beinhalten, aber die "totale Planung" ist nicht dem Sozialismus gleich – genau wie jeder Dummkopf ein Professor sein kann, aber nicht jeder Professor ein Dummkopf sein muss.

Anfang der Seite

6. Das Modell der Fabier

HINTER DER GESTALT LASSALLES scheinen eine Reihe von "Sozialismen" auf, die sich in eine interessante Richtung bewegen.

Die so genannten Kathedersozialisten (eine Strömung von Akademikern aus dem Establishment) vertrauten offener auf Bismarck, als Lassalle, aber ihre Vorstellung von Staatssozialismus war der seinigen nicht prinzipiell fremd. Nur dass Lassalle das riskante Unterfangen auf sich nahm, eine Massenbewegung von unten für diesen Zweck ins Leben zu rufen – riskant, weil sie ihm, einmal in Bewegung gesetzt, aus der Hand gleiten könnte, wie es tatsächlich mehrmals geschah. Bismarck selbst hatte keine Bedenken, seine paternalistische Wirtschaftspolitik als eine Art Sozialismus darzustellen, und Bücher wurden über den "monarchischen Sozialismus", den "Bismarck'schen Sozialismus" usw. geschrieben. Schauen wir weiter nach rechts, treffen wir auf den "Sozialismus" von Friedrich List, eines Nazivorläufers, und auf diejenigen Kreise, wo eine antikapitalistische Form des Antisemitismus (Dühring, A. Wagner, usw.) einen Teil der Grundlagen für die Bewegung legte, die sich unter Adolf Hitler sozialistisch nannte.

Der Faden, der dieses ganze Spektrum über alle Differenzen hinweg verbindet, ist die Vorstellung von einem Sozialismus, der lediglich eine Entsprechung für das staatliche Eingreifen in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben ist. "Staat, greif zu!", rief Lassalle – das ist der Sozialismus dieser Bande.

Deshalb hat Schumpeter auch Recht mit seiner Beobachtung, dass das britische Gegenstück zum deutschen Staatssozialismus der Fabianismus ist, der Sozialismus von Sidney Webb.

Die Fabier (genauer gesagt: die Webbier) sind in der Geschichte der sozialistischen Idee diejenige moderne sozialistische Strömung, die sich in vollständiger Loslösung vom Marxismus entwickelte, diejenige, die dem Marxismus am fremdesten ist. Sie ist fast chemisch reiner sozialdemokratischer Reformismus, besonders vor dem Aufstieg der Arbeiter- und der sozialistischen Bewegung in Großbritannien, die sie nicht wollte und zu deren Aufbau sie nicht beitrug (trotz eines weit verbreiteten gegenteiligen Mythos). Sie ist deshalb ein sehr wichtiger Prüfstein, anders als andere reformistische Strömungen, die dem Marxismus ihren Tribut zollten, indem sie einen Teil seiner Sprache benutzten und seinen Inhalt entstellten.

Die Fabier – bewusst mittelständisch in ihrer Zusammensetzung und in ihrer Anziehungskraft – waren nicht dafür, irgendeine Art von Massenbewegung aufzubauen und schon gar nicht eine Fabierbewegung. Sie sahen sich als kleine Elite von Experten, die in die bestehenden gesellschaftlichen Institutionen einsickern, (3) die wirklichen Führer in allen Bereichen, Liberale wie Konservative, beeinflussen und die gesellschaftliche Entwicklung zu ihrem kollektivistischen Ziel mit "schrittweiser Unvermeidlichkeit" leiten würden. Da ihr Sozialismuskonzept sich ausschließlich auf das staatliche Eingreifen (auf nationaler oder kommunaler Ebene) beschränkte, und da nach ihrer Theorie der Kapitalismus selbst sich täglich kollektivierte und diese Richtung einschlagen musste, bestand ihre Funktion lediglich darin, diesen Prozess zu beschleunigen. Die Fabiergesellschaft wurde 1884 gegründet, um den Lotsenfisch für einen Hai zu spielen: Zuerst war die Liberale Partei der Hai; aber als das "Einsickern" des Liberalismus jämmerlich scheiterte und die Arbeiter schließlich ihre eigene Klassenorganisation gründeten trotz der Fabier, heftete der Lotsenfisch sich einfach an den neuen Partner.

Es gibt vielleicht keine andere sozialistische Tendenz, die so systematisch und auch bewusst ihre Theorie eines Sozialismus von oben ausarbeitete. Das Wesen dieser Bewegung wurde früh begriffen, obwohl es später durch die Verschmelzung des Fabianismus mit dem Körper des Reformismus der Labour Party verhüllt wurde. Der führende christliche Sozialist der Fabiergesellschaft griff Webb einmal als "bürokratischen Kollektivisten" (wahrscheinlich das erste Mal, dass dieser Begriff benutzt wurde) an. Das seinerzeit sehr bekannte Buch von Hilaire Belloc aus dem Jahre 1912, The Servile State (übersetzt etwa: "Der unterwürfige Staat"; d. Übers.), war im Wesentlichen eine Reaktion auf diesen Webb-Typus, dessen "kollektivistisches Ideal" grundsätzlich bürokratisch war. G. D. H. Cole erinnerte sich: "Damals liebten es die Webbs zu sagen, dass jeder aktive politische Mensch entweder ein 'A' oder ein 'B' sei – ein Anarchist oder ein Bürokrat – und sie seien 'Bs' ..."

Diese Charakterisierung vermittelt kaum das volle Aroma des Webb'schen Kollektivismus, woraus der Fabianismus bestand. Er war durch und durch von oben leitend, technokratisch, elitär, autoritär, "planistisch". Webb verwendete gern den Begriff des Strippenziehens als Synonym für Politik.

Eine Veröffentlichung der Fabier schrieb, sie wünschten sich, "die Jesuiten des Sozialismus" zu sein. Ihr Evangelium hieß Ordnung und Effizienz. Das Volk, das gut behandelt werden sollte, könne nur von kompetenten Experten geführt werden. Klassenkampf, Revolution, Volksunruhen seien Wahnsinn. Im dem Buch Fabianism and the Empire wurde der Imperialismus gelobt und als Politik angenommen. Wenn die sozialistische Bewegung jemals ihren eigenen bürokratischen Kollektivismus entwickelt hat, dann war es dieser.

"Manche mögen glauben, dass Sozialismus im Wesentlichen eine Bewegung von unten, eine Klassenbewegung" sei, schrieb ein Sprecher der Fabier, Sidney Ball, um den Leser von dieser Vorstellung zu befreien; aber Sozialisten "gehen jetzt das Problem vom Standpunkt der Wissenschaft statt dem des Volkes an; sie sind Theoretiker des Mittelstands", prahlte er und fuhr dann fort zu erklären, es gebe "einen deutlichen Bruch zwischen dem Sozialismus der Straße und dem Sozialismus des Katheders".

DAS NACHSPIEL IST AUCH BEKANNT, obwohl es oft beschönigt wird. Während der Fabianismus als besondere Strömung sich bis 1918 im größeren Strom des Reformismus der Labour Party auflöste, gingen die Führer der Fabier in eine andere Richtung. Sowohl Sidney und Beatrice Webb als auch Bernard Shaw – das führende Trio – wurden in den Dreißigerjahren zu prinzipientreuen Anhängern des stalinistischen Totalitarismus. Shaw, der meinte, der Sozialismus brauche einen Übermenschen, hatte noch früher mehr als einen gefunden. Der Reihe nach schloss er Mussolini und Hitler, die den Tölpeln den "Sozialismus" geben würden, als wohlwollende Despoten in seine Arme, und er war nur deswegen enttäuscht, weil sie den Kapitalismus nicht wirklich abschafften. Nach einem Besuch in Russland 1931 enthüllte Shaw, das Stalin'sche Regime sei der Fabianismus in der Praxis. Die Webbs folgten ihm nach Moskau und entdeckten Gott. In ihrem Buch Soviet Communism: A New Civilization bewiesen sie (direkt aus Moskaus eigenen Dokumenten und Stalins eigenen Behauptungen, die sie mit großem Fleiß erforscht hatten), dass Russland die großartigste Demokratie der Welt sei; Stalin kein Diktator sei; die Gleichheit für alle herrsche; die Einparteiendiktatur notwendig sei; die Kommunistische Partei eine durch und durch demokratische Elite sei, die den Slawen und Mongolen (aber nicht den Engländern) die Zivilisation bringe; politische Demokratie sei im Westen sowieso gescheitert, und es gebe keinen Grund, warum politische Parteien in unserem Zeitalter überleben sollten ...

Sie unterstützten Stalin standhaft während der Moskauer Säuberungsprozesse und den Hitler-Stalin-Pakt ohne wahrnehmbare Bedenken und starben als Stalin-Anhänger, die unkritischer waren als heutige Mitglieder des Politbüros. Wie Shaw erklärt hat, hatten die Webbs nur Verachtung für die Russische Revolution selbst, aber "die Webbs warteten, bis die Zerstörung und der Ruin des Wandels beendet waren, seine Fehler behoben und der kommunistische Staat ordentlich eingeführt wurde." Das heißt, sie warteten, bis die revolutionären Massen in eine Zwangsjacke gesteckt und die Führer der Revolution entfernt worden waren, die effiziente Ruhe der Diktatur sich über den Schauplatz gelegt hatte, die Konterrevolution fest im Sattel saß; und dann kamen sie, um dies als Ideal zu verkünden.

War das wirklich ein riesiges Missverständnis, irgendein unbegreiflicher Schnitzer? Oder hatten sie nicht Recht zu denken, dass dies tatsächlich der "Sozialismus" war, der ihrer Ideologie entsprach, auch wenn er etwas Blut kostete? Der Schwenk des Fabianismus von dem mittelständischen "Einsickern" zum Stalinismus war das Schwingen einer Tür, die am Sozialismus von oben hing.

Wenn wir auf die Jahrzehnte vor der Jahrhundertwende, als der Fabianismus zur Welt kam, blicken, ragt eine andere Gestalt hervor, das genaue Gegenteil von Webb: die führende Persönlichkeit des revolutionären Sozialismus jener Zeit, der Dichter und Künstler William Morris, der in seinen späten Vierzigern zum Sozialisten und Marxisten wurde. Morris' Schriften über den Sozialismus atmen aus jeder Pore den Geist des Sozialismus von unten, genau wie jede Zeile von Webb das genaue Gegenteil sagt. Das ist vielleicht am deutlichsten in seinen radikalen Angriffen gegen den Fabianismus (aus den richtigen Gründen); in seiner Abneigung gegen den "Marxismus" der britischen Ausgabe von Lassalle, des diktatorischen H. M. Hyndman; in seiner Verurteilung des Staatssozialismus und in seinem Abscheu vor der bürokratisch-kollektivistischen Utopie Bellamys in dessen Buch Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887. (Letzteres veranlasste ihn zu der Bemerkung: "Wenn sie mich in ein Arbeiterregiment berufen würden, würde ich mich einfach auf den Rücken legen und um mich treten.")

Morris sozialistische Schriften sind in jeder Hinsicht durchdrungen von seiner Betonung des Klassenkampfes von unten in der Gegenwart; und was die sozialistische Zukunft betrifft, schrieb er sein Buch Kunde von Nirgendwo oder Ein Zeitalter der Ruhe als direktes Gegenargument zu Bellamys Buch. Er warnte davor:

"... dass einzelne Menschen nicht das Geschäft des Lebens auf die Schulter einer Abstraktion namens Staat abwälzen können, sondern mit ihm in einer bewussten Verbindung miteinander zurechtkommen müssen ... Die Vielfalt des Lebens ist ebenso sehr ein Ziel des wahren Kommunismus wie die Gleichheit der Zustände, und ... nichts außer einer Vereinigung dieser beiden wird die wahre Freiheit hervorbringen."

"Sogar einige Sozialisten", schrieb er, "neigen dazu, den kooperativen Apparat, zu dem das moderne Leben tendiert, mit dem Wesen des Sozialismus selbst zu verwechseln." Damit bestünde "die Gefahr, dass die Gemeinschaft zur Bürokratie verkommen" könnte. Deshalb außerte er Furcht vor einer zukünftigen "kollektivistischen Bürokratie". Als heftige Reaktion gegen den Staatssozialismus und den Reformismus fiel er in einen Antiparlamentarismus zurück, aber nicht in die anarchistische Falle:

"... die Menschen werden sich in der Verwaltung zusammenschließen müssen, und manchmal wird es Meinungsverschiedenheiten geben ... Was ist zu tun? Welche Partei soll nachgeben? Unsere anarchistischen Freunde sagen, die Entscheidungen müssten nicht von einer Mehrheit getroffen werden; in diesem Fall müssen sie von einer Minderheit getroffen werden. Und warum? Gibt es irgendein göttliches Recht für eine Minderheit?"

Das führt weit tiefer zum Kern des Anarchismus als die allgemeine Meinung, das Problem mit dem Anarchismus bestehe darin, dass er zu idealistisch sei.

William Morris gegen Sidney Webb: Das ist eine Möglichkeit, die Geschichte zusammenzufassen.

Anfang der Seite

7. Die "revisionistische" Fassade

EDUARD BERNSTEIN, DER THEORETIKER des sozialdemokratischen "Revisionismus", erhielt seinen Anstoß durch den Fabianismus, der ihn während seines Londoner Exils stark beeinflusste. Er hat 1896 die reformistische Politik nicht erfunden, er wurde bloß zu ihrem theoretischen Sprecher. (Der Chef der Parteibürokratie bevorzugte weniger Theorie: "Man sagt es nicht, man tut es", erklärte er Bernstein; womit er sagen wollte, dass die Politik der deutschen Sozialdemokratie schon lange des Marxismus beraubt war, noch bevor ihre Theoretiker diese Änderung reflektierten.

Aber Bernstein "revidierte" den Marxismus nicht. Seine Rolle bestand darin, ihn auszumerzen, während er vortäuschte, verdorrte Zweige abzutrennen. Die Fabier hatten es nicht nötig gehabt, sich über eine Täuschung Gedanken zu machen, aber in Deutschland war es nicht möglich, den Marxismus durch einen Frontalangriff zu zerstören. Die Rückkehr zum Sozialismus von oben ("der alten Scheiße") musste als "Modernisierung", als "Revision" dargestellt werden.

Im Wesentliche fand der "Revisionismus", wie die Fabier, seinen Sozialismus in der unvermeidlichen Kollektivierung des Kapitalismus selbst; er betrachtete die Entwicklung zum Sozialismus als Summe der dem Kapitalismus innewohnenden kollektivistischen Tendenzen; er hoffte auf die "Selbstsozialisierung" des Kapitalismus von oben durch die Einrichtungen des bestehenden Staats. Die Gleichung Verstaatlichung = Sozialismus ist nicht die Erfindung des Stalinismus; sie wurde von der fabianisch-revisionistischen staatssozialistischen Strömung innerhalb des sozialdemokratischen Reformismus systematisiert.

Die meisten heutigen Entdeckungen, die verkünden, der Sozialismus sei veraltet, weil der Kapitalismus nicht wirklich mehr bestehe, lassen sich schon bei Bernstein finden. Es sei "absurd", die Weimarer Republik als kapitalistisch zu bezeichnen, erklärte er, wegen der von ihr ausgeübten Kontrolle über die Kapitalisten; dem "Bernsteinismus" zufolge muss der Nazistaat noch antikapitalistischer gewesen sein, als er selbst propagierte ...

Die Umwandlung des Sozialismus in einen bürokratischen Kollektivismus ist schon in Bernsteins Angriff auf die Arbeiterdemokratie enthalten. Nachdem er die Idee der Arbeiterkontrolle über die Industrie scharf kritisiert, fährt er fort, die Demokratie neu zu definieren. Ist sie "Regieren durch das Volk"? Er lehnt dies ab zu Gunsten der negativen Definition: "Abwesenheit einer Klassenregierung". Auf diese Weise wird gerade die Betonung der Arbeiterdemokratie als notwendige Bedingung für den Sozialismus auf den Müll geworfen, ebenso wirksam wie durch die klugen neuen Definitionen für Demokratie, die in den kommunistischen Akademien gängig sind. Sogar politische Freiheit und repräsentative Institutionen wurden wegdefiniert: Ein theoretisches Ergebnis, das umso beeindruckender ist, als Bernstein selbst nicht antidemokratisch war, wie Lassalle oder Shaw. Es ist die Theorie des Sozialismus von oben, die diese Formulierungen erfordert. Bernstein ist der führende sozialdemokratische Theoretiker nicht nur in Bezug auf die Gleichung Verstaatlichung = Sozialismus, sondern auch bei der Abkoppelung des Sozialismus von der Arbeiterdemokratie.

Es war deshalb passend, wenn Bernstein zu der Schlussfolgerung kam, Marx' Feindseligkeit gegenüber dem Staat sei "anarchistisch", und dass Lassalle Recht gehabt habe, im Staat den Initiator des Sozialismus zu sehen. "Die administrative Körperschaft in der absehbaren Zukunft kann sich vom heutigen Staat nur graduell unterscheiden", schrieb Bernstein; das "Absterben des Staates" sei nichts als Utopie, auch unter dem Sozialismus. Er hatte im Gegenteil einen sehr praktischen Nutzen – als zum Beispiel der nicht absterbende Kaiserstaat sich in das imperialistische Gerangel um Kolonien warf, sprach sich Bernstein prompt für den Kolonialismus und die "Bürde des weißen Mannes" aus: "Es kann nur ein bedingtes Recht der Wilden auf das von ihnen bewohnte Land anerkannt werden; die höhere Zivilisation darf schließlich ein höheres Recht beanspruchen."

Bernstein setzte seine eigene Vision des Weges zum Sozialismus gegen die von Marx: Marx' Vision "ist das Bild eines Heeres. Es drängt vorwärts, durch Umwege, über Stock und Stein ... Schließlich gelangt es an den großen Abgrund. Auf der anderen Seite steht lockend das ersehnte Ziel – der Staat der Zukunft, der nur durch ein Meer zu erreichen ist, ein rotes Meer, wie einige gesagt haben". Im Gegensatz dazu war Bernsteins Vision nicht rot, sondern rosa: Der Klassenkampf geht über in Harmonie, in dem Maße wie ein wohltätiger Staat sanft die Bourgeoisie in gute Bürokraten verwandelt. Auf diese Weise fand es nicht statt – als die bernsteinisierte Sozialdemokratie zuerst die revolutionäre Linke 1919 niederschoss und dann, indem sie die uneinsichtige Bourgeoisie und das Militär wieder als herrschende Macht einsetzte, dabei half, Deutschland den Händen der Faschisten auszuliefern.

Während Bernstein der Theoretiker der Gleichsetzung des bürokratischen Kollektivismus mit dem Sozialismus war, wurde seine linke Gegnerin innerhalb der deutschen Bewegung zur führenden Befürworterin eines revolutionär-demokratischen Sozialismus von unten in der Zweiten Internationale. Es war Rosa Luxemburg, die so nachdrücklich ihren Glauben und ihre Hoffnung mit dem spontanen Kampf einer freien Arbeiterklasse verband, dass die Mythenmacher für sie eine "Theorie der Spontaneität" erfanden, die sie nie vertrat, eine Theorie, in der die "Spontaneität" als Gegensatz zur "Führung" dargestellt wird.

In ihrer eigenen Bewegung kämpfte sie hart gegen die "revolutionären" Anhänger des Elitedenkens, welche die Theorie der Erziehungsdiktatur über die Arbeiter wieder entdeckten (in jeder Generation wird sie als der letzte Schrei wieder entdeckt), und musste betonen: "Ohne den bewussten Willen und ohne die bewusste Tätigkeit der Mehrheit des Proletariats kann es keinen Sozialismus geben ..." – "Wir werden nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse in ganz Deutschland ..." Und ihre berühmte Maxime hieß: "Fehltritte, die eine wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermesslich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten 'Zentralkomitees'."

Rosa Luxemburg gegen Eduard Bernstein: Das ist das deutsche Kapitel der Geschichte.

Anfang der Seite

8. Die 100-prozentig amerikanische Szene

AN DEN QUELLEN DES AMERIKANISCHEN "EINHEIMISCHEN SOZIALISMUS" bietet sich dasselbe Bild noch deutlicher. Wenn wir absehen von dem importierten "deutschen Sozialismus" (das Lassalleanertum mit marxistischen Verzierungen) der frühen Socialist Labor Party (Sozialistische Arbeiterpartei), dann ist hier die bei weitem führende Gestalt Edward Bellamy mit seinem Buch Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 (1887). Kurz vor ihm gab es den heute vergessenen Laurence Gronlund, dessen Buch Cooperative Commonwealth ("Das kooperative Gemeinwesen"; 1884) zu seiner Zeit äußerst einflussreich war – 100.000 Exemplare wurden verkauft.

Gronlund ist so modern, dass er nicht sagt, er lehne die Demokratie ab – er definiert sie einfach "neu", als "die Verwaltung durch die Kompetenten" im Gegensatz zur "Herrschaft durch Mehrheiten", begleitet von einem bescheidenen Vorschlag, die repräsentative Herrschaft und alle Parteien abzuschaffen. Alles, was das "Volk" wolle, lehrt er, sei "Verwaltung – gute Verwaltung". Sie sollten "die richtigen Führer" finden und dann "bereit sein, diesen ihre ganze kollektive Macht anzuvertrauen". Die repräsentative Herrschaft sollte durch den Volksentscheid ersetzt werden. Er sei sicher, dass sein Schema funktioniere, erklärt er, weil es so wunderbar bei der katholischen Kirchenhierarchie funktioniere. Er lehnt selbstverständlich die schreckliche Vorstellung von Klassenkampf ab. Die Arbeiter seien unfähig, sich selbst zu befreien, und er verurteilt ausdrücklich Marx' berühmte Formulierung dieses Grundprinzips. Die armen Tölpel werden durch die aus den Reihen der Intellektuellen gewonnene Elite der "Kompetenten" befreit werden; und irgendwann begann er, eine geheime verschwörerische Amerikanische Sozialistische Studentenverbindung aufzubauen.

Die sozialistische Utopie von Bellamy in seinem Buch Ein Rückblick ist ausdrücklich nach dem Vorbild einer Armee als ideales Muster für eine Gesellschaft modelliert – reglementiert, hierarchisch beherrscht durch eine Elite, organisiert von oben nach unten, in der die behagliche Gemeinschaft eines Bienenstocks das große Ziel ist. Den Übergangsprozess zeichnet der Roman als die Konzentration der Gesellschaft in einer großen Unternehmung, einem einzigen Kapitalisten: dem Staat. Das allgemeine Wahlrecht wird abgeschafft; alle Basisorganisationen werden ausgeschaltet; Entscheidungen werden von oben durch Verwaltungstechnokraten getroffen. Einer der Anhänger dieses "amerikanischen Sozialismus" definierte ihn so: "Seine Gesellschaftsvorstellung ist ein perfekt organisiertes Industriesystem, das auf Grund des engen Ineinandergreifens seiner Räder bei einem Minimum an Reibung ein Maximum an Reichtum und Muße für alle schafft."

Wie im Falle der Anarchisten besteht Bellamys fantastische Lösung des Grundproblems der gesellschaftlichen Organisation – wie Meinungs- und Interessenverschiedenheiten zwischen Menschen zu lösen sind – in der Voraussetzung, dass die Elite übermenschlich weise und zur Ungerechtigkeit unfähig ist (dies gleicht im Wesentlichen dem stalinistisch-totalitären Mythos von der Unfehlbarkeit der Partei), und der Sinn dieser Voraussetzung ist, dass sie alle Sorgen um die demokratische Kontrolle von unten überflüssig macht. Letztere ist für Bellamy undenkbar, weil die Massen, die Arbeiter einfach ein gefährliches Monster sind, eine barbarische Horde. Die Bellamy'sche Bewegung – die sich "Nationalismus" nannte und ursprünglich gleichzeitig antisozialistisch und antikapitalistisch sein wollte – wurde systematisch organisiert, indem an den Mittelstand appelliert wurde, wie bei den Fabiern.

Dies waren die äußerst beliebten Lehrmeister des "einheimischen" Flügels des amerikanischen Sozialismus, deren Vorstellungen ein Echo unter den nicht marxistischen und antimarxistischen Teilen der sozialistischen Bewegung bis weit ins 20. Jahrhundert fanden; durch das Wiederaufleben der "Bellamy Clubs" sogar noch in den Dreißigerjahren, als der Philosoph John Dewey Ein Rückblick als Beschreibung des "amerikanischen Ideals der Demokratie" lobte. Die Technokratie, die schon offen faschistische Grundzüge zeigt, war auf einer Seite ein direkter Nachkomme dieser Tradition. Um zu sehen, wie dünn die Linie zwischen etwas, das Sozialismus genannt wird, und etwas wie dem Faschismus sein kann, ist es lehrreich, die monströse Darstellung eines "Sozialismus" zu lesen, die der einst berühmte Erfinder und Wissenschaftler und Leuchte der Sozialistischen Partei, Charles P. Steinmetz, schrieb. In America and the New Epoch (1916) verfasst er todernst das genaue Gegenteil von Sozialismus, die Antiutopie, wie sie irgendwann in einem Science-Fiction-Roman satirisch dargestellt wurde, in dem der Kongress durch Senatoren von DuPont, General Motors und den anderen großen Unternehmen ersetzt worden ist. Steinmetz präsentiert die riesigen monopolistischen Unternehmen (wie sein eigener Dienstherr, General Electric) als höchstmöglicher Grad an industrieller Effizienz und schlägt vor, die politische Regierung zu Gunsten der unmittelbaren Herrschaft der vereinigten Monopolisten aufzulösen.

Die Ideen Bellamys brachten viele auf den Weg zum Sozialismus, aber der Weg gabelte sich. Um die Jahrhundertwende entwickelte der amerikanische Sozialismus die weltweit dynamischste Antithese zum Sozialismus von oben in allen seinen Formen: Eugene Debs. 1897 war Debs noch an dem Punkt, ausgerechnet John D. Rockefeller um die Finanzierung einer sozialistischen utopischen Kolonie in einem westlichen Bundesstaat zu bitten; aber Debs, dessen Sozialismus im Klassenkampf einer militanten Arbeiterbewegung geschmiedet wurde, fand bald seine wahre Stimme.

Das Herz des "Debs'schen Sozialismus" war sein Appell an und die Zuversicht in die Selbstaktivität der Massen von unten. Debs' Schriften und Reden sind von diesem Thema durchdrungen. Er gab Marx' "erstes Prinzip" in den Statuten der Internationale in seinen eigenen Worten oft wieder: "Die größte Entdeckung der modernen Sklaven besteht in der Erkenntnis, dass sie selbst ihre Freiheit erringen müssen. Das ist das Geheimnis ihrer Solidarität; das Herzstück ihrer Hoffnung ..." Seine klassische Äußerung ist: "Zu lange haben die Arbeiter der Welt auf irgendeinen Moses gewartet, sie aus der Knechtschaft zu führen. Er ist nicht gekommen; er wird niemals kommen. Ich würde euch nicht hinausführen, wenn ich es könnte; denn wenn ihr hinauszuführen wäret, könntet ihr auch wieder zurückgeführt werden. Ich möchte, dass ihr begreift, dass es nichts gibt, das ihr nicht für euch selbst tun könntet."

In Anlehnung an Marx' Worte von 1850 sagte er:

"Im Kampf der Arbeiterklasse, sich von der Lohnsklaverei zu befreien, kann nicht oft genug wiederholt werden, dass alles von der Arbeiterklasse selbst abhängt. Die einfache Frage ist: Können die Arbeiter sich durch Schulung, Organisation, Zusammenarbeit und selbst auferlegte Disziplin dazu befähigen, die Kontrolle über die Produktivkräfte in die Hände zu nehmen und die Industrie im Interesse des Volkes und zum Wohle der Gesellschaft zu leiten? Mehr ist nicht dazu zu sagen."

Können die Arbeiter sich befähigen ... Er gab sich keinen blauäugigen Illusionen über die Arbeiterklasse hin. Aber er schlug ein anderes Ziel vor als die Elitären, deren einzige Weisheit darin besteht, mit dem Finger auf die heutige Rückständigkeit der Menschen zu zeigen und zu lehren, es müsse immer so sein. Gegen den Glauben an die Herrschaft der Elite von oben stellte Debs die genau umgekehrte Vorstellung der revolutionären Avantgarde (ebenfalls eine Minderheit), deren Vertrauen sie veranlasst, einen härteren Weg für die Mehrheit zu befürworten:

"Es sind die Minderheiten, die die Geschichte dieser Welt gemacht haben [sagte er in der 1917 gehaltenen Rede gegen den Krieg, wofür die Wilson-Regierung ihn ins Gefängnis warf]. Es sind die wenigen, die den Mut hatten, ihren Platz an der Front einzunehmen; die sich selbst gegenüber aufrichtig genug waren, um die Wahrheit auszusprechen; die sich trauten, Widerstand gegen die bestehende Ordnung der Dinge zu leisten; die Partei für die Sache der leidenden, um ihr Dasein kämpfenden Armen ergriffen; die ohne Rücksicht auf persönliche Konsequenzen die Sache der Freiheit und Gerechtigkeit unterstützt haben."

Dieser "Debs'sche Sozialismus" fand gewaltigen Anklang im Herzen der Menschen, aber Debs hatte keinen Nachfolger als Tribun des revolutionär-demokratischen Sozialismus. Nach der Radikalisierung während der Nachkriegszeit wurde einerseits die Sozialistische Partei rosarot anständig, während andererseits die Kommunistische Partei zur gleichen Zeit stalinisiert wurde. Der amerikanische Liberalismus hatte seinerseits schon lange einen Prozess der "Verstaatlichung" durchgemacht, der in der großen Illusion des "New Deal" der Dreißigerjahre seinen Höhepunkt erreichte. Die elitäre Vision der Befreiung von oben unter der Schirmherrschaft des Retterpräsidenten zog eine ganze Strömung von Liberalen an, für die der Landbesitzer im Weißen Haus das war, was Bismarck für Lassalle gewesen war.

Dieser Typus kündigte sich durch den kollektivistischen Liberalen Lincoln Steffens an, der (wie Shaw und Georges Sorel) gleichermaßen von Mussolini wie Moskau angezogen war und das aus den gleichen Gründen. Als Upton Sinclair die Sozialistische Partei verließ, weil sie zu "sektiererisch" war, gründete er seine "breite" Bewegung zur "Beendigung der Armut in Kalifornien" mit einem Manifest mit dem passenden Titel Ich, Gouverneur von Kalifornien, und wie ich die Armut beendete (vermutlich das einzige radikale Manifest, welches das Wort "Ich" zweimal im Titel führt) zu dem Thema "Sozialismus von oben in Sacramento". Eine typische Gestalt dieser Zeit war Stuart Chase, der einen Zickzackkurs vom Reformismus des Bundes für industrielle Demokratie zum Halbfaschismus einer Technokratie schlug. Dann gab es die mit dem Stalinismus liebäugelnden Intellektuellen, die es schafften, ihre gleichzeitige Hochachtung für Roosevelt und Russland zu verfeinern, indem sie die National Recovery Administration (Bundesamt für den wirtschaftlichen Wiederaufbau) und die Moskauer Prozesse gleichermaßen bejubelten. Als Zeichen der Zeit lief jemand wie Paul Blanshard von der Sozialistischen Partei zu Roosevelt über mit der Begründung, dass mit dem "New Deal"-Programm des "gelenkten Kapitalismus" den Sozialisten die Initiative für wirtschaftliche Veränderungen entrissen wurde.

In die Zeit des "New Deal", oft zu Recht Amerikas "sozialdemokratische Periode" genannt, fiel auch das große Anbändeln der Liberalen und Sozialdemokraten mit einem Sozialismus von oben, der Utopie von Roosevelts "Volksmonarchie". Die Illusion der Roosevelt'schen "Revolution von oben" vereinigte den "schleichenden Sozialismus", den bürokratischen Liberalismus, das stalinoide Elitedenken und Illusionen sowohl über den russischen Kollektivismus als auch den kollektivierten Kapitalismus in einem Paket.

Anfang der Seite

9. Sechs Arten des Sozialismus von oben

WIR HABEN BEREITS GESEHEN, dass es etliche verschiedene Stränge oder Strömungen gibt, die sich durch die Idee des Sozialismus von oben ziehen. Sie sind normalerweise miteinander verflochten, aber lasst uns dennoch einige der wichtigeren Aspekte herausfiltern, um sie genauer zu betrachten.

(1) Die Menschenfreundlichkeit: Der Sozialismus (oder die "Freiheit" oder was immer du möchtest) muss von den Reichen und Mächtigen aus reiner Herzensgüte nach unten gereicht werden, um den Menschen Gutes zu tun. Bezogen auf die frühen utopischen Sozialisten wie Robert Owen heißt es im Kommunistischen Manifest: "Nur unter dem Gesichtspunkt der leidendsten Klasse existiert das Proletariat für sie." Aus Dankbarkeit müssten die geknechteten Armen vor allem vermeiden aufzumucken – und von wegen dieser Unsinn von Klassenkampf und Selbstbefreiung. Dieser Aspekt könnte als ein besonderer Fall des Elitedenkens betrachtet werden.

(2) Das Elitedenken: Wir haben mehrere Fälle dieser Überzeugung erwähnt, dass der Sozialismus die Angelegenheit einer neuen herrschenden Minderheit sei, welche von Natur aus nicht kapitalistisch und deshalb garantiert rein ist, die ihre Dominanz entweder vorübergehend (bloß für eine historische Ära) oder sogar permanent den Menschen aufzwingt. In beiden Fällen wird diese neue herrschende Klasse ihr Ziel begreifen als eine Erziehungsdiktatur über die Massen – um ihnen Gutes zu tun natürlich; eine Diktatur, die von einer Partei der Elite ausgeübt wird und jede Kontrolle von unten unterdrückt; oder die Diktatur eines wohlwollenden Despoten oder Retterführers irgendeiner Art; oder die eines "Übermenschen" nach Shaw'schem Muster; die von Gen-Manipulatoren; die Diktatur von Proudhons "anarchistischem" Manager oder Saint-Simons Technokraten oder ihrer moderneren Gegenstücke – gekleidet in moderne Begriffe und neue Wortschleier, die als frische Gesellschaftstheorie dem "Marxismus aus dem 19. Jahrhundert" gegenübergestellt werden kann.

Auf der anderen Seite sind die revolutionär-demokratischen Befürworter des Sozialismus von unten ebenfalls immer eine Minderheit gewesen, aber die Kluft zwischen dem elitären Ansatz und dem Avantgardeansatz ist entscheidend, wie wir im Falle von Debs sehen konnten. Für ihn wie für Marx und Luxemburg besteht die Funktion der revolutionären Avantgarde darin, die Massenmehrheit anzuregen, sich selbst zu befähigen, die Macht in eigenem Namen zu übernehmen durch ihre eigenen Kämpfe. Es geht nicht darum, die entscheidende Bedeutung von Minderheiten zu leugnen, sondern ein anderes Verhältnis zwischen der fortgeschrittenen Minderheit und der rückständigeren Mehrheit zu bilden.

(3) Der Planismus: Die Schlüsselwörter sind Effizienz, Ordnung, Planung, System – sowie Reglementierung. Sozialismus wird auf Sozialtechnologie reduziert, durchgeführt durch eine Macht, die über der Gesellschaft steht. Auch hier geht es nicht darum zu leugnen, dass ein wirkungsvoller Sozialismus umfassende Planung verlangt (oder dass Effizienz und Ordnung an sich eine gute Sache sind); aber die Reduzierung des Sozialismus auf die geplante Produktion ist etwas ganz anderes. Auch eine effektive Demokratie erfordert das Wahlrecht, aber das Reduzieren der Demokratie auf das Wahlrecht alle Jubeljahre macht sie zum Betrug.

In der Tat wäre es wichtig zu zeigen, dass die Trennung der Planung von der demokratischen Kontrolle von unten die Planung selbst zum Hohn macht; denn die äußerst komplizierten Industriegesellschaften von heute lassen sich nicht wirkungsvoll durch die Erlasse eines allmächtigen Zentralkomitees planen, welches das freie Spiel der Initiative und die Korrektur von unten hemmt und terrorisiert. Dies ist tatsächlich der grundsätzliche Widerspruch des neuen Typus ausbeutender Sozialsysteme wie das des sowjetischen bürokratischen Kollektivismus. Aber wir können dieses Thema an dieser Stelle nicht weiterentwickeln.

Die Ersetzung des Sozialismus durch den Planismus hat eine lange Geschichte, ganz getrennt von seiner Verkörperung im sowjetischen Mythos, dass Verstaatlichung gleich Sozialismus bedeute. Dieser Lehrsatz wurde, wie schon oben gesehen, zuerst vom sozialdemokratischen Reformismus systematisiert (besonders von Bernstein und den Fabiern). Während der Dreißigerjahre wurde der Planungsmystizismus, teilweise von der sowjetischen Propaganda übernommen, zum maßgeblichen Thema des rechten Flügels der Sozialdemokratie, wo Henri de Man als sein Prophet und als Nachfolger von Marx bejubelt wurde. De Man ist von der historischen Bildfläche verschwunden und jetzt in Vergessenheit geraten, weil er den Fehler beging, seine revisionistischen Theorien bis hin zum Korporatismus zu treiben und dann zur Zusammenarbeit mit den Nazis.

Abgesehen von der theoretischen Konstruktion erscheint der Planismus in der sozialistischen Bewegung in einem bestimmten psychologischen Typus eines Radikalen am häufigsten verkörpert. Ehre, wem Ehre gebührt: Ein erster Umriss dieses Typus wurde sichtbar in Hilaire Bellocs Buch The Servile State, der dabei die Fabier vor Augen hatte. Dieser Typus, schreibt Belloc:

"... liebt das kollektivistische Ideal an sich ..., weil es eine geordnete und regelmäßige Form der Gesellschaft ist. Er betrachtet sehr gern das Ideal eines Staats, worin Beamte Land und Kapital in ihren Händen halten, die anderen Menschen befehligen werden und sie so vor den Konsequenzen ihrer Fehler, Unwissenheit und Torheit schützen." Belloc schreibt weiter: "In ihm erregt die Ausbeutung des Menschen keine Entrüstung. Tatsächlich ist er nicht der Typ, dem Entrüstung oder irgendeine andere Leidenschaft bekannt wäre ..." Belloc hat hier Sidney Webb vor Augen. "... die Aussicht auf eine riesige Bürokratie, worin das gesamte Leben nach bestimmten einfachen Schemata verplant und verregelt werden wird, gibt seinem kleinen Magen eine endgültige Befriedigung."

Was zeitgenössische Vertreter mit prostalinistischer Färbung betrifft, lassen sich unzählige Beispiele in Paul Sweezys Magazin Monthly Review finden. In einem Artikel über die "Beweggründe des Sozialismus", den er 1930 verfasste, zu einer Zeit, als er sich immer noch als Leninist betrachtete, beschrieb Max Eastman diesen Typus als fixiert auf "Effizienz und intelligente Organisation ... eine wahre Leidenschaft für den Plan ... geschäftsmäßige Organisation". Stalins Russland übe auf diesen Typus große Anziehungskraft aus, kommentierte er:

"Für diese Region muss man sich in anderen Ländern vielleicht entschuldigen – sicherlich aber kann sie nicht vom Standpunkt eines verrückten Traums wie Emanzipation der Arbeiter und damit der ganzen Menschheit angeprangert werden. Dagegen war für diejenigen, welche die marxistische Bewegung aufbauten und die ihren Sieg in Russland organisierten, dieser verrückte Traum der zentrale Beweggrund. Sie waren, was einige nun zu vergessen geneigt sind, extreme Rebellen gegen die Unterdrückung. Lenin wird vielleicht herausragen, wenn der Aufruhr um seine Ideen nachlässt, als der größte Rebell der Geschichte. Seine größte Leidenschaft galt der Befreiung der Menschen ... Will man das Ziel des Klassenkampfs, wie es in Marx' Schriften und besonders in den Schriften von Lenin definiert wird, auf einen einzigen Begriff bringen, dann heißt er: Freiheit des Menschen ..."

Es könnte hinzugefügt werden, dass Lenin mehr als einmal den Drang zur totalen Planung als "bürokratische Utopie" verwarf.

Es gibt eine Unterabteilung in der planistischen Strömung, die auch einen Namen verdient: Nennen wir sie den Produktionismus. Natürlich sind alle "für" die Produktion, ebenso wie alle für die Tugend und das gute Leben sind; aber für diesen Typus ist die Produktion der entscheidende Prüfstein und das Endziel einer Gesellschaft. Der russische bürokratische Kollektivismus ist "fortschrittlich" auf Grund der Statistik über die Herstellung von Roheisen (der gleiche Typus ignoriert normalerweise die beeindruckenden Statistiken über die gesteigerte Produktion unter dem nazistischen oder japanischen Kapitalismus). Unter Nasser, Castro, Sukarno oder Nkrumah ist es in Ordnung, freie Gewerkschaften zu zerschlagen oder ihre Entstehung zu verhindern, weil etwas, das sich "wirtschaftliche Entwicklung" nennt, unbedingt Vorrang vor Menschenrechten hat. Dieser hartgesottene Standpunkt wurde natürlich nicht von diesen "Radikalen" erfunden, sondern von den gefühllosen Ausbeutern während der kapitalistischen industriellen Revolution; und die sozialistische Bewegung entstand im verbissenen Kampf gegen diese Theoretiker der "fortschrittlichen" Ausbeutung. Auch in dieser Hinsicht neigen Apologeten moderner "linker" autoritärer Regimes dazu, diese uralte Lehre als die neueste Offenbarung der Soziologie zu betrachten.

(4) Der "Kommunionismus": In seinem oben erwähnten Artikel von 1930 bezeichnete Max Eastman diesen als "das Muster der vereinigten Brüderschaft" der "Herdensozialisten oder der Sozialisten der menschlichen Solidarität" – "derjenigen, die sich aus einer Mischung aus religiöser Mystik und tierischem Geselligkeitstrieb nach der menschlichen Solidarität sehnen". Diese Vorstellung sollte nicht mit dem Begriff der Solidarität in Streiks usw. verwechselt werden, und sie ist auch nicht notwendigerweise identisch mit dem, was in der sozialistischen Bewegung die Genossenschaft ist oder anderswo der "Gemeinschaftssinn". Sein spezifischer Inhalt, sagt Eastman, liegt in der "Suche nach dem Eintauchen in eine Gesamtheit, eine Totalität, um sich ganz am Busen eines Gottersatzes zu verlieren".

Eastman verweist hier auf Max Gold, einen Schriftsteller aus der Kommunistischen Partei; ein anderes ausgezeichnetes Beispiel ist Harry F. Ward, der abgehärtete geistliche Mitläufer der Kommunistischen Partei, in dessen Büchern diese Art der "gewaltigen" Sehnsucht nach der Aufgabe der Individualität des Einzelnen theoretisiert ist. Bellamys Notizbücher enthüllen ihn als klassischen Fall: Er schreibt über die Sehnsucht "nach dem vollkommenen Aufgehen in der großen Allmacht des Universums"; seine "Religion der Solidarität" spiegelt sein Misstrauen gegenüber dem Individualismus der Persönlichkeit, sein Verlangen, das Selbst in der Gemeinschaft mit etwas Größerem aufzulösen.

Diese Strömung ist sehr auffällig bei einigen der autoritärsten Sozialismen von oben und nicht selten anzutreffen bei den menschenfreundlichen Eliteanhängern mit christlich-sozialistischen Ansichten. Natürlich wird diese Form eines "kommunionistischen" Sozialismus immer als "ethischer Sozialismus" begrüßt und gepriesen, weil er den Klassenkampf verabscheut; denn es darf keinen Konflikt innerhalb eines Bienenstocks geben. Er neigt dazu, den "Kollektivismus" grob dem "Individualismus" gegenüberzustellen (ein falscher Gegensatz von einem humanistischen Standpunkt aus gesehen), aber was er wirklich bestreitet, ist die Individualität.

(5) Die Strategie des Durchdringens: Der Sozialismus von oben erscheint in vielen verschiedenen Formen aus dem einfachen Grund, weil es immer mehrere Alternativen zur Selbstaktivität der Massen von unten gibt, aber die hier diskutierten Fälle lassen sich im Wesentlichen in zwei Familien aufteilen.

Die eine hat den Sturz der gegenwärtigen kapitalistischen hierarchischen Gesellschaft zum Ziel, um sie durch eine neue nicht kapitalistische hierarchische Gesellschaft zu ersetzen, die sich auf eine neue Gattung einer herrschenden Klasse der Elite stützt. (Diese Varianten werden normalerweise in der Sozialismusgeschichte als "revolutionär" bezeichnet.) Die andere verfolgt die Strategie, die Machtzentren der bestehenden Gesellschaft zu durchdringen, um sie – allmählich, unvermeidlich – in einen verstaatlichten Kollektivismus zu verwandeln, vielleicht Molekül für Molekül, wie Holz sich in Achat versteinert. Das ist das charakteristische Merkmal der reformistischen, sozialdemokratischen Spielarten des Sozialismus von oben.

Der Begriff Einsickerungsstrategie wurde von der Tendenz zur Selbstkennzeichnung eingeführt, die wir schon als "reinste" je gesehene Variante des Reformismus bezeichnet haben: dem Fabianismus von Sidney Webb. Alle sozialdemokratischen Strategien des Einsickerns beruhen auf einer Theorie der mechanischen Unvermeidlichkeit: das unvermeidliche Sich-selbst-Kollektivieren des Kapitalismus von oben, das dann dem Sozialismus gleichgesetzt wird. Druck von unten (wo er als zulässig betrachtet wird) kann den Prozess beschleunigen und glätten, vorausgesetzt, er bleibt unter Kontrolle, um die Selbstkollektivierer nicht zu verängstigen. Daher sind die sozialdemokratischen Anhänger des Einsickerns nicht nur bereit, sondern begierig, "dem Establishment beizutreten" anstatt es zu bekämpfen, welche Rolle auch immer ihnen zugewiesen wird, ob als Kabinenjunge oder Kabinettsminister. Typischerweise besteht für sie die Funktion ihrer Bewegung von unten hauptsächlich darin, die herrschenden Mächte zu erpressen, damit diese sie mit einem Posten für das Einsickern bestechen können.

Die Tendenz zur Kollektivierung des Kapitalismus ist tatsächlich real: Wie gesehen, bedeutet sie die bürokratische Kollektivierung des Kapitalismus. Während sich dieser Prozess fortsetzte, erlebte die heutige Sozialdemokratie selbst eine Verwandlung. Der führende Theoretiker dieses Neoreformismus, C.A.R. Crosland, prangert heute die milden Äußerungen zu Gunsten der Verstaatlichung an, die ursprünglich für das Programm der britischen Labour Party von Sidney Webb selbst (mit Hilfe von Arthur Henderson) geschrieben wurden! Die Zahl der europäischen Sozialdemokratien, die inzwischen ihre Programme von allen spezifisch antikapitalistischen Inhalten gesäubert haben – eine nagelneue Erscheinung in der sozialistischen Geschichte –, spiegelt wider, inwieweit der bestehende Prozess der bürokratischen Kollektivierung als Schritt zum versteinerten "Sozialismus" akzeptiert wird.

Das ist das Einsickern als große Strategie. Sie führt natürlich zum Einsickern als politischer Taktik, ein Thema, das wir hier nicht verfolgen können, außer seine gegenwärtig auffallendste amerikanische Form zu erwähnen: die Politik der Unterstützung der Demokratischen Partei und die Koalition der Liberalen und Arbeiterbewegung um den "Johnson-Konsens", seine Vorgänger und seine Nachfolger.

Die Unterscheidung zwischen diesen beiden "Familien" des Sozialismus von oben gilt für alle hausgemachten Sozialismen von Babeuf zu Harold Wilson; das heißt für Fälle, in denen die soziale Basis der jeweiligen sozialistischen Strömung innerhalb des nationalen Systems liegt, sei es die Arbeiteraristokratie, deklassierte Elemente oder irgendeine andere Schicht. Der Fall liegt etwas anders bei den "Sozialismen von außen", deren Träger die Kommunistischen Parteien sind, deren Strategie und Taktik letztendlich von einer Machtbasis außerhalb jeder einheimischen gesellschaftlichen Schicht abhängen – das heißt, von den bürokratisch-kollektivistischen herrschenden Klassen im Osten.

Die Kommunistischen Parteien haben gezeigt, dass sie sich in einer einzigartigen Weise von jeder Art der hausgemachten Bewegung unterscheiden in ihrer Fähigkeit, die Taktiken der "revolutionären" Opposition sowie des Einsickerns abwechselnd zu verwenden oder sie zu kombinieren, wie es ihnen beliebte. So konnte die amerikanische Kommunistische Partei von ihrer linksradikalen abenteuerlichen Politik der "Dritten Periode" zwischen 1928 und 1934 zur ultraeinsickernden Taktik der Volksfrontperiode schwenken, und dann zurück zu einem Feuer speienden "Revolutionismus" während der Periode des Hitler-Stalin-Pakts, und wiederum während der Auf-und-ab-Bewegungen des Kalten Krieges zu verschiedenen Graden der Kombination beider Taktiken. Angesichts der gegenwärtigen kommunistischen Spaltung entlang der Moskau/Peking-Linie neigen die "Chruschtschowisten" und die Maoisten dazu, jeweils eine der Taktiken anzuwenden, die früher abwechselnd eingesetzt wurden.

In der Innenpolitik tendieren die offiziellen Kommunistischen Parteien und die Sozialdemokraten häufig dazu, sich in einer Politik des Einsickerns einander zu nähern, wenn auch von der Position unterschiedlicher Sozialismen von oben.

(6) Sozialismus von außen: Die oben erwähnten Formen des Sozialismus von oben rechnen mit der Macht an der Spitze ihrer Gesellschaft: Jetzt kommen wir zur Erwartung des Beistands von außen.

Der Kult der fliegenden Untertassen ist eine pathologische, der Messianismus eine traditionellere Form, bei der "außen" außerhalb dieser Welt bedeutet; aber für unseren Zweck heißt "außen" außerhalb des gesellschaftlichen Kampfes im Inland. Für die Kommunisten Osteuropas nach dem Zweiten Weltkrieg musste die neue Ordnung auf russischen Bajonetten importiert werden; die deutschen Sozialdemokraten im Exil konnten sich letztendlich die Befreiung der eigenen Bevölkerung nur von Gnaden der militärisch siegreichen Alliierten vorstellen.

Die Variante während der Friedenszeit ist der "Sozialismus als Musterbeispiel". Dies war natürlich die Methode der alten Utopisten, die ihre Musterkolonien im amerikanischen Hinterwald aufbauten, um die Überlegenheit ihres Systems zu demonstrieren und die Ungläubigen zu bekehren. Heute liegt in dieser Art Ersatz für den gesellschaftlichen Kampf zu Hause zunehmend die wesentliche Hoffnung der westlichen kommunistischen Bewegung.

Als Musterbeispiel gilt Russland (oder China für die Maoisten); und während es schwierig ist, die Lage der russischen Proletarier den Arbeitern im Westen selbst mit einer großzügigen Dosis von Lügen halbwegs schmackhaft zu machen, lässt sich durch zwei andere Herangehensweisen mehr Erfolg erwarten:

(a) Die relativ privilegierte Stellung der leitenden, bürokratischen und intellektuell-lakaienhaften Elemente im russischen kollektivistischen System können der Lage im Westen spitzfindig gegenübergestellt werden, wo diese gleichen Elemente den Kapitaleigentümern und den Manipulateuren des Reichtums untergeordnet sind. Auf dieser Ebene trifft sich die Anziehungskraft des sowjetischen Systems einer verstaatlichten Ökonomie mit der historischen Anziehungskraft des Mittelstands-Sozialismus für gekränkte Klassenelemente unter den Intellektuellen, Technologen, Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Angestellten, den Verwaltungsbürokraten und Organisationsmenschen aller Art, die sich am leichtesten mit einer neuen herrschenden Klasse identifizieren können, die auf Staatsmacht und nicht auf Geldmacht und Eigentum beruht, und die sich deshalb als die neuen Machtmenschen in einem nicht kapitalistischen aber elitären System vorstellen können.

(b) Während die offiziellen Kommunistischen Parteien dazu benötigt werden, die orthodoxe Fassade eines so genannten "Marxismus-Leninismus" aufrechtzuerhalten, befreien sich immer häufiger ernsthafte Theoretiker des Neostalinismus, die nicht an die Partei gebunden sind, von der Verstellung. Eine Entwicklung ist das offene Aufgeben jeder Perspektive des Siegs durch den gesellschaftlichen Kampf innerhalb der kapitalistischen Länder. Die "Weltrevolution" wird einfach gleichgesetzt mit der Demonstration der kommunistischen Länder, dass ihr System überlegen ist. Jetzt haben zwei führende Theoretiker des Neostalinismus, Paul Sweezy und Isaac Deutscher, diese Vorstellung in Thesenform entwickelt.

Das Buch Der Monopolkapitalismus von Baran und Sweezy (1966) lehnt rundweg "die Antwort der traditionellen marxistischen Orthodoxie ab, dass sich das industrielle Proletariat letztendlich revolutionär gegen seine kapitalistischen Unterdrücker erheben muss". Das Gleiche gilt für alle anderen "Rand"-Gruppen der Gesellschaft – Arbeitslose, Landarbeiter, die Massen in den Ghettos usw.; sie können keine "zusammenhängende Kraft in der Gesellschaft bilden". Das lässt niemanden übrig; der Kapitalismus lässt sich nicht wirksam von innen herausfordern. Was dann? Eines Tages, erklären die Autoren auf der letzten Seite, "vielleicht nicht in diesem Jahrhundert", werden die Menschen ihre Illusionen in den Kapitalismus verloren haben, "in dem Maße wie sich die Weltrevolution ausbreitet und die sozialistischen Länder durch ihr Beispiel zeigen, dass es möglich ist", eine rationale Gesellschaft aufzubauen [meine Hervorhebung; d. A.]. Das ist alles. So werden die marxistischen Phrasen, welche die anderen 366 Seiten dieses Essays füllen, einfach zu einem Zauberspruch ebenso wie die Lesung der Bergpredigt im Petersdom.

Dieselbe Perspektive wird weniger grob von einem etwas weitschweifigerem Autor, von Isaac Deutscher in seinem Buch The Great Contest ("Der große Wettkampf"), unterbreitet. Deutscher übermittelt die neue sowjetische Theorie, "... dass der westliche Kapitalismus weniger – oder nicht unmittelbar – wegen seiner eigenen Krisen und ihm innewohnenden Widersprüche untergehen wird, sondern wegen seiner Unfähigkeit, mit den Errungenschaften des Sozialismus [d.h. der kommunistischen Staaten] gleichzuziehen"; und weiter: "Man könnte sagen, dass diese Vorstellung bis zu einem gewissen Grad die marxistische Perspektive einer permanenten sozialen Revolution ersetzt hat." Hier haben wir eine theoretische Begründung für das, was seit langer Zeit die Funktion der kommunistischen Bewegung im Westen ist: als Grenzschützer und Lockvogel für das konkurrierende rivalisierende Establishment im Osten zu dienen. Vor allem wird die Perspektive des Sozialismus von unten diesen Professoren des bürokratischen Kollektivismus ebenso fremd wie den Apologeten des Kapitalismus in den amerikanischen Akademien.

Dieser Typus neostalinistischer Ideologen steht dem bestehenden sowjetischen Regime meistens kritisch gegenüber – dafür ist Deutscher ein gutes Beispiel, der so weit wie vermeidet, zu einem unkritischen Apologeten Moskaus zu werden, wie es die offiziellen Kommunisten sind. Sie müssen als Anhänger des Einsickerns in Bezug auf den bürokratischen Kollektivismus begriffen werden.

Was als "Sozialismus von außen" erscheint, wenn er von der kapitalistischen Welt aus betrachtet wird, wird zu einer Art Fabianismus, wenn er im Rahmen des kommunistischen Systems betrachtet wird.

In diesem Zusammenhang ist die "Veränderung nur von oben" ein ebenso festes Prinzip für diese Theoretiker, wie sie es für Sidney Webb war. Das zeigte sich beispielhaft an Deutschers feindseliger Reaktion auf den Aufstand in der DDR 1953 und die ungarische Revolution von 1956, die er klassisch damit begründete, solche Umwälzungen von unten würden das sowjetische Establishment von seinem Kurs der "Liberalisierung" durch die Unvermeidlichkeit des Allmählichen abschrecken.

Anfang der Seite

10. Auf welcher Seite stehst du?

VOM STANDPUNKT DER INTELLEKTUELLEN, die ihre Rolle im gesellschaftlichen Kampf wählen können, hat die Perspektive des Sozialismus von unten historisch wenig Anziehungskraft gehabt. Sogar innerhalb der sozialistischen Bewegung hatte sie wenige konsequente Befürworter und nicht viele inkonsequente gehabt. Außerhalb der sozialistischen Bewegung lautet die Standardbehauptung natürlich, solche Vorstellungen seien eine schöne Fantasie, nicht umsetzbar, unrealistisch, "utopisch"; idealistisch vielleicht, aber versponnen. Die Masse der Bevölkerung sei angeboren dumm, korrupt, apathisch und im Allgemeinen hoffnungslos; fortschrittliche Veränderung müsste vielmehr durch überlegene Menschen wie (zufälligerweise) dem Intellektuellen kommen, der diese Gedanken von sich gibt. Dies wird dann in eine Theorie vom Eisernen Gesetz der Oligarchie oder das blecherne Gesetz der Elitedenkens verwandelt und beinhaltet auf gewisse Weise die grobe Theorie der Unvermeidlichkeit – der Unvermeidlichkeit der "Veränderung nur von oben".

Ohne mir anzumaßen, in wenigen Worten die Argumente für und wider diese weit verbreitete Ansicht erörtern zu können, können wir die gesellschaftliche Funktion, die sie als sich selbst rechtfertigendes Ritual einer Elite hat, zur Kenntnis nehmen. Zu "normalen" Zeiten, wenn sich die Massen nicht bewegen, verlangt diese Theorie lediglich, verächtlich mit dem Finger auf sie zu zeigen, während die ganze Geschichte der Revolution und der revolutionären Umwälzungen einfach als veraltet abgetan wird. Aber ein neuer Aufschwung revolutionärer Bewegungen und gesellschaftlicher Unruhen, die sich gerade dadurch definieren, dass die zuvor untätigen Massen auf der historischen Bühne auftreten, und die charakteristisch sind für Perioden, wenn grundlegende soziale Veränderungen auf der Tagesordnung stehen, ist genauso "normal" in der Geschichte wie die dazwischenliegenden Perioden des Konservatismus. Wenn der Elitetheoretiker deshalb die Haltung des wissenschaftlichen Beobachters aufgeben muss, der bloß vorhersagt, dass die Masse der Bevölkerung immer weiter untätig bleiben wird, wenn er mit der entgegengesetzten Wirklichkeit einer revolutionären Masse konfrontiert ist, die droht, die Machtstrukturen zu stürzen, zögert er typischerweise nicht, sich auf eine ganz andere Schiene zu begeben: Er denunziert die Einmischung der Massen von unten als das Übel an sich.

Tatsache ist, dass die Wahl zwischen dem Sozialismus von oben und dem Sozialismus von unten für den Intellektuellen grundsätzlich eine moralische Wahl ist, während es für die arbeitenden Massen, die keine gesellschaftliche Alternative haben, eine Frage der Notwendigkeit ist. Der Intellektuelle mag die Möglichkeit haben, "in das Establishment aufzusteigen", der Arbeiter nicht; die gleiche Möglichkeit steht auch den Führern der Arbeiterbewegung offen, die, wenn sie aus ihrer Klasse aufsteigen, vor einer ähnlichen Wahl stehen, die es vorher nicht für sie gab. Der Druck zur Übereinstimmung mit den Sitten der herrschenden Klasse, der Druck zur Verbürgerlichung wird stärker je mehr sich die persönlichen und organisatorischen Verbindungen zu ihrer Basis lockern. Für einen Intellektuellen oder bürokratisierten Funktionär ist es nicht schwierig sich davon zu überzeugen, dass das Eindringen in und die Anpassung an die bestehende Macht ein kluger Weg ist, wenn (zufälligerweise) dieser Weg auch ermöglicht, an den Vergünstigungen, die Einfluss und Geldfluss bieten, teilzuhaben.

Als Ironie der Geschichte ist das "Eiserne Gesetz der Oligarchie" deshalb hauptsächlich eisern für die intellektuellen Elemente, die es formuliert haben. Als soziale Schicht (abgesehen von außergewöhnlichen Individuen) hat sich die Intelligenz niemals in auch nur annähernd vergleichbarer Weise gegen die bestehende Macht erhoben wie es die moderne Arbeiterklasse immer wieder während der relativ kurzen Zeit ihres Bestehens getan hat. Da sie üblicherweise als ideologische Lakaien der herrschenden Klasse arbeiten, neigen die Kopfarbeiter aus dem nicht besitzenden Mittelstand auf Grund dieses Verhältnisses gleichzeitig zu Unzufriedenheit und Missstimmung. Wie viele andere Diener denkt dieser Admirable Crichton: "Ich bin ein besserer Mensch als mein Herr, und wenn die Lage anders wäre, würden wir schon sehen, wer das Knie beugen müsste." (4) Angesichts des zunehmend sinkenden Ansehens des kapitalistischen Systems in der Welt träumt er heute mehr denn je von einer Gesellschaftsform, in der er zeigen kann, was in ihm steckt, wo das Gehirn und nicht die Hand oder die Geldbeutel das Sagen haben; wo er und seinesgleichen vom Druck des Eigentums durch die Ausschaltung des Kapitalismus und vom Druck der viel größeren Masse durch die Ausschaltung der Demokratie befreit würden.

Er muss nicht einmal sehr weit träumen, denn Versionen einer solchen Gesellschaft scheinen vor seinen Augen zu existieren: die kollektivistischen Länder im Osten. Selbst wenn er diese Versionen aus verschiedenen Gründen einschließlich des Kalten Kriegs ablehnt, kann er seine eigene Version einer "guten" Art des bürokratischen Kollektivismus theoretisieren, die in den USA "Meritokratie" oder "Managerismus" oder "Industrialismus" oder was auch immer genannt werden kann; oder in Ghana "afrikanischer Sozialismus" oder in Kairo "arabischer Sozialismus" oder verschiedene andere Arten des Sozialismus in anderen Teilen der Welt.

Das Wesen der Wahl zwischen dem Sozialismus von oben und dem Sozialismus von unten wird am deutlichsten in der Verbindung mit einer Frage, über die es heute ein beträchtliches Maß an Übereinstimmung unter liberalen, sozialdemokratischen und stalinoiden Intellektuellen gibt: Das ist die angebliche Unvermeidlichkeit autoritärer Diktaturen (wohlwollenden Despotien) in den Schwellenländern besonders Afrikas und Asiens – z.B. Nkrumah, Nasser, Sukarno u.a. – Diktaturen, die unabhängige Gewerkschaften wie jede politische Opposition zerschlagen und die maximale Ausbeutung der Arbeiterschaft organisieren, um aus den Häuten der Arbeiterklasse ausreichend Kapital für eine beschleunigte Industrialisierung gemäß dem Tempo, das die neuen Herrscher begehren, zu wringen. So sind in beispiellosem Maße "fortschrittliche" Kreise, die einst gegen Ungerechtigkeit überall protestiert hätten, zu mechanischen Verteidigern jedes autoritären Regimes geworden, das für nicht kapitalistisch gehalten wird.

Abgesehen von der ökonomisch-deterministischen Begründung, die normalerweise für diese Haltung gegeben wird, gibt es zwei Aspekte der Frage, die anschaulich machen, was hier auf dem Spiel steht.

(1.) Das wirtschaftliche Argument für die Diktatur, mit dem vorgeblich die Notwendigkeit der halsbrecherischen Industrialisierung bewiesen werden soll, ist zweifelsohne sehr gewichtig für die neuen bürokratischen Herrscher – die inzwischen mit dem eigenen Einkommen und der eigenen Glorifizierung nicht knausern –, aber es kann nicht den Arbeiter unten an der Basis davon überzeugen, dass er und seine Familie sich der Superausbeutung und dem Superschuften für die folgenden Generationen beugen muss zu Gunsten einer schnellen Akkumulation von Kapital. (Genau deswegen erfordert die halsbrecherische Industrialisierung diktatorische Kontrollen.)

Mit dem ökonomisch-deterministischen Argument wird der Standpunkt einer herrschenden Klasse "vernünftig" begründet; es macht allein vom Standpunkt einer herrschenden Klasse aus Sinn, deren Interessen natürlich immer mit den Bedürfnissen der "Gesellschaft" gleichgesetzt werden. Es ist ebenso sinnvoll zu argumentieren, dass die Arbeiter an der Basis sich bewegen müssen, um diese Superausbeutung zu bekämpfen, um ihre elementare menschliche Würde und ihr Wohl zu verteidigen. So war es auch während der kapitalistischen industriellen Revolution, als die "Schwellenländer" in Europa lagen.

Es geht nicht einfach um ein technisch-ökonomisches Argument, sondern um die Seite, die im Klassenkampf eingenommen wird. Die Frage ist: Auf welcher Seite stehst du?

(2.) Es wird behauptet, die Masse der Menschen in diesen Ländern sei zu rückständig, um die Gesellschaft und ihre Regierung selbst zu lenken. Das ist zweifellos wahr, und nicht nur dort. Aber was folgt daraus? Wie wird ein Volk oder eine Klasse fähig, im eigenen Namen zu herrschen?

Nur durch den Kampf darum. Nur indem sie ihren Kampf gegen die Unterdrückung führen – Unterdrückung durch diejenigen, die ihnen erklären, sie seien unfähig zur Herrschaft. Nur im Kampf um die demokratische Macht erziehen sie sich selbst und erheben sich zu dem Niveau, von dem aus sie diese Macht ausüben können. Es hat niemals einen anderen Weg für welche Klasse auch immer gegeben.

Obwohl wir uns mit einer bestimmten Rechtfertigungsideologie beschäftigt haben, gelten die beiden aufgekommenen Punkte überall in der Welt, in jedem Land, sei es industriell entwickelt oder Entwicklungsland, kapitalistisch oder stalinistisch. Als die Demonstrationen und Boykotts der Schwarzen des amerikanischen Südens den demokratischen Präsidenten Johnson während seines Wahlkampfes in Verlegenheit zu bringen drohten, hieß die Frage: Auf welcher Seite stehst du? Als sich das ungarische Volk gegen die russische Besatzungsmacht erhob, hieß die Frage: Auf welcher Seite stehst du? Als das algerische Volk für die Befreiung gegen die "sozialistische" Regierung von Guy Mollet kämpfte, hieß die Frage: Auf welcher Seite stehst du? Als die Marionetten Washingtons in Kuba einmarschierten, hieß die Frage: Auf welcher Seite stehst du? Und als die kubanischen Gewerkschaften von den Kommissaren der Diktatur übernommen wurden, hieß die Frage ebenfalls: Auf welcher Seite stehst du?

Seit den Anfängen der menschlichen Gesellschaft hat es einen endlosen Strom von Theorien gegeben, mit denen "bewiesen" werden sollte, dass die Tyrannei unvermeidlich und die Freiheit in Demokratie unmöglich sei; es gibt keine angenehmere Ideologie für eine herrschende Klasse und ihre intellektuellen Lakaien. Dies sind sich selbst erfüllende Vorhersagen, denn sie bleiben nur solange wahr, wie sie für wahr gehalten werden. Der einzige Weg, sie als falsch bloßzustellen, besteht letzten Endes im Kampf selbst. Dieser Kampf von unten wurde noch nie durch die Theorien von oben aufgehalten und er hat immer wieder die Welt verändert. Irgendeine Form des Sozialismus von oben zu wählen heißt, auf die alte Welt, auf die "alte Scheiße" zurückzuschauen. Den Weg des Sozialismus von unten zu wählen heißt, den Beginn einer neuen Welt zu bejahen.

Anfang der Seite

Anmerkungen

1. Streng genommen nahmen Gerrard Winstanley und die "True Levellers" (die wahren Gleichmacher), der linke Flügel der Englischen Revolution, diese Verbindung vorweg; aber sie wurde vergessen und führte historisch gesehen zu nichts.

2. Dieses Zitat stammt aus der Autobiografie von H. G. Wells. Als Erfinder einiger der grausamsten Utopien des Sozialismus von oben in der gesamten Literatur denunziert Wells hier Marx für diesen historischen Schritt.

3. Etwa vergleichbar dem "Marsch durch die Institutionen", den Teile der Achtundsechziger-Bewegung in Deutschland später zur Strategie erhoben. [d. Übers.]

4. Der "Admirable Crichton" (der "Bewundernswürdige Crichton") ist eine Figur aus einem Schauspiel von J. M. Barrie, der auch der Schöpfer von "Peter Pan" ist. [d. Übers.]

Englischer Text: (c) Hal Draper, 1966

Übersetzung 2000: Einde O'Callaghan, Rosemarie Nünning

Anfang der Seite

Hinweis zu der englischen Fassung dieses Textes, die dieser Übersetzung zu Grunde liegt:

Die zwei Seelen des Sozialismus erschien im Winter 1966 in New Politics, Nr. 1, Seiten 57-84, später herausgegeben als Schrift der International Socialists, Highland Park, Michigan, 4. überarbeitete Ausgabe 1970. Der Aufsatz wurde aufgenommen in die Essaysammlung Socialism From Below von Hal Draper, ausgewählt, herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von E. Haberkern Humanities Press, Atlantic Highlands 1992, Seiten 2-33. Diese Ausgabe ist vergriffen.

Anfang der Seite

Hinweis zur Verwendung der deutschen Übersetzung:

Wir freuen uns, wenn Hal Drapers Zwei Seelen des Sozialismus unter deutschsprachigen Lesern Interesse findet. Bei Vervielfältigung des Textes erwarten wir jedoch, dass wir darüber informiert werden und der Inhalt vollständig und unverändert wiedergegeben wird. Man kann uns über deutsch@marxists.org erreichen.

Einde O'Callaghan, Rosemarie Nünning
26. November 2000

Anfang der Seite


Marxism Page


Go to top level of Marxism Page

Original URL http://www0.anu.edu.au/polsci/marx/intros/2seelen.htm
Site author Rick Kuhn. Last revised 28 Apr 2008. Send feedback to Rick.Kuhn @ anu.edu.au